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Gefahr und Begierde

Se jie. RC/USA 2007. R: Ang Lee. B: James Schamus, Wang Hui Ling. K: Rodrigo Prieto. S: Tim Squyres. M: Alexandre Desplat. P: Focus Features. D: Tony Leung Chiu-wai, Wei Tang, Joan Chen, Lee-Hom Wang u.a.
156 Min. Tobis ab 18.10.07

Das Lustprinzip

Von Sebastian Gosmann Die Anspannung der Darsteller kurz bevor der Vorhang fällt, ihr leidenschaftliches Spiel, dieses eigentümliche Gefühlsgemisch aus Traurigkeit und Erleichterung, welches die Ensemblemitglieder nach der Vorstellung packt – Ang Lees Spionagedrama beginnt mit einer ungeheuer stimmungsvollen cineastischen Verbeugung vor dem Theater.

Für die schüchterne Wang Jiazhi markiert jene Theateraufführung zugleich den Auftakt eines ebenso unkontrollierbaren wie gefährlichen Maskeradespiels, in dem sie sich im Laufe der folgenden Jahre mehr und mehr verlieren wird. Ihr anrührendes Wesen ist es, das sie im japanisch okkupierten Hongkong des Jahres 1938 zum Star der von ihrem Kommilitonen Kuang Yu Min gegründeten Theatergruppe aufsteigen läßt. Und ihre darstellerische Überzeugungskraft macht sie letztlich auch zur perfekten Besetzung für die »Rolle ihres Lebens«. Als die Gruppe von der Zusammenarbeit des hohen chinesischen Beamten Herrn Yi mit den verhaßten Besatzern erfährt, setzen sie Wang auf ihn an. Sie soll sich nicht nur in die gut bewachten hohen Kreise Hongkongs einschleichen, sondern vor allem in Yis Herz, um ihn am Ende in eine tödliche Falle locken zu können.

Mit der Transformation der stillen Wang Jiazhi zur verführerischen Mak Tai Tai gelingt der 27jährigen Kinodebütantin Tang Wei ein schauspielerisches Meisterstück. In ihrer Darbietung der Femme fatale schwingt permanent jener Hauch von Unschuld mit, der nicht nur jemanden wie Herrn Yi, verkörpert von einem eiskalten Tony Leung, in den Wahnsinn treiben kann. Während ihres ersten geheimen Treffens präsentiert sich ihm eine starke und selbstbewußte Frau, deren Sinnlichkeit den ganzen Raum auszufüllen vermag; die ihn zudem mit derart elegant formulierten und wohlplazierten Schmeicheleien verwöhnt, daß sich selbst in sein versteinertes Gesicht ein flüchtiges Lächeln verirrt. Der Zuschauer kann sich längst nicht mehr sicher sein, ob Wang immer noch ausschließlich im Sinne der Sache handelt.

Der unterkühlte Yi scheint in Wangs Gegenwart tatsächlich ein wenig von seiner Härte zu verlieren. Umso schockierender ist der Moment, in dem Yi der immensen sexuellen Spannung zwischen ihnen auf grausame Weise Herr zu werden versucht. Lee konfrontiert uns an dieser Stelle mit einer nur schwer verdaulichen Vergewaltigungsszene, mittels derer er uns jedoch noch einmal eindringlich die Situation Wangs vor Augen führt, die mittlerweile in Diensten des chinesischen Geheimdienstes steht. Es gibt kein Zurück für sie.

Schon im Vorfeld des Kinostarts von Gefahr und Begierde gab es viel Gerede. Von Pornographie wurde gar gesprochen. Zwar sind die Liebesszenen in diesem Film ungewohnt drastisch geraten, doch beabsichtigt Lee damit sicherlich nicht, Skandale auszulösen. Hätte er die wahre, sich in der körperlichen Vereinigung der Geschlechter ausdrückende Liebe illustrieren wollen, hätte er dies sicherlich auch ohne Aufnahmen von Venushügeln und Hoden zustande gebracht. Was Lee hier auf die Leinwand bringen will, ist reine – von der Liebe abgekoppelte – sexuelle Begierde. In diesem Film ist es nicht die Liebe, die über Heil und Unheil entscheidet. Es geht um pure Fleischeslust. Und um dies zu veranschaulichen, wählt der Regisseur eben jene – explizite – Darstellungsform. Ob man jedoch gewillt ist, den zumeist als ehrenwerter Gentleman auftretenden Tony Leung vollkommen entblättert und in derartigen Posen zu sehen, ist eine andere Frage.

Alles in Lees neuestem Werk ist geschmackvoll aufeinander abgestimmt. Die Bilder des Iñárritu-Buddies Rodrigo Prieto sind von einer sagenhaften Opulenz, die Klänge des Franzosen Alexandre Desplat von betörender Schönheit. Alles scheint im Dienste der Erlangung höchstmöglicher Eleganz zu stehen. Gefahr und Begierde ist ein Film, dessen unwiderstehliche Atmosphäre den Zuschauer über die gesamte Spielzeit von knapp zweieinhalb Stunden nicht losläßt. Er ist wohl das, was gemeinhin unter großem Kino verstanden wird. 2007-10-15 12:00

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