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Die drei Räuber

D 2007 R,B: Hayo Freitag. S: Lars Jordan, Sascha Wolff-Träger. M: Kenneth Pattengale. P: Animation X, Medienfonds GFP u.a.
75 Min. X Verleih ab 18.10.07

Anarchie flatulenzfrei

Von Martin Thomson »Der Mensch ist schlecht«, schrieb Erich Kästner einst in seinem Gedicht »Ansprache an Millionäre« von 1930. Darin bezichtigte er die Mächtigen der Wirtschaft und Industrie, der herannahenden Gefahr von Krieg und Tyrannei in die Hände zu spielen. Dieser Appell ist inzwischen aus dem Kanon der deutschen Linken nicht mehr wegzudenken: Er wird auf Kundgebungen vorgetragen, zirkuliert in Internet-Foren als Diskussionsanreiz und ziert zahlreiche Flugblätter. 77 Jahre später naht zwar kein Krieg auf europäischem Boden, aber die Profitgier der Mächtigen bedingt nach wie vor gravierende soziale Mißstände; während mal mehr oder minder aufwendige Proteste schnell als Randerscheinungen verblassen, entziehen sich weite Teile der Bevölkerung der Kritik an vorgegebenen politischen und gesellschaftlichen Strukturen. Ohne hier die 1960er Jahre als Revolutionsjahrzehnt der linken Freidenker zu idealisieren, ihre Künstler, d.h. ihre Autoren, Regisseure und Musiker haben vielleicht tatsächlich etwas bewirkt: Mehr noch als daß sie den affirmativen Tücken ihres Handwerks entgegen gewirkt haben, stellten sie stets das Streben des Individuums nach Freiheit und Selbstverwirklichung in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Doch während die Erwachsenenliteratur die Frage nach der praktischen Umsetzbarkeit dieser Selbstbefreiung schuldig blieb, bot die Kinderliteratur jener Zeit ein Refugium für grenzenlos schönfärberische soziale Utopien, in denen die Kleinen für die Ablösung einer neuen Gesellschaft standen und disziplinäre Zwänge mit unverblümter Anarchie beantwortet wurden. Das beste Beispiel hierfür stellt Tomi Ungerers 1963 erschienenes Bilderbuch Die drei Räuber dar, in dem eine junge Waise namens Tiffany die Diktatur einer von Kinderarbeit profitierenden Waisenhausleiterin zum Einsturz bringt und die Raubbeute ihrer drei neu gewonnen Freunde aus dem Wald zur Schaffung einer sich kontinuierlich verbreitenden neuen Gesellschaftsordnung nutzt, in der die Kleinen das Sagen haben.

Wer den Autor der Vorlage etwas genauer kennt, weiß, daß Tomi Ungerer seine Bekanntheit zwar seinen zahlreichen literarischen Werken für Kinder verdankt, aber sich ebenso auf internationaler Bühne einen Ruf als renommierter Karikaturist erarbeitet hat, dessen Zeichnungen vor allem aufgrund ihrer zumeist frivolen Körperdarstellung seit jeher für Aufmerksamkeit sorgten. Seine Vorlage zum hier besprochenen Film ist zwar frei von nackten Männern, die ein Schiff durch Flatulenz antreiben oder munter kopulierenden Tieren, aber in seiner inhaltlichen Kompromißlosigkeit alles andere als jener Kinderkram, den nun Regisseur Hayo Freitag mit seiner filmischen Umsetzung vorlegt. Wo bei der Vorlage an Farbe gespart wurde, um der tragischen Grundsituation der Hauptfigur stilistisch zu entsprechen, setzt Freitag auf ein grellbuntes Design, das die unverwechselbare Stimmung der Vorlage weitgehend unberührt läßt. Statt sich am Pessimismus des Bilderbuches zu orientieren, dominiert hier nur nervige Niedlichkeit; damit verkaufen die Macher mancherlei Kind für ziemlich blöd, denn eine Geschichte um Verlust und Ausbeutung ist alles andere als der mit halbgaren Pipifax-Witzen aufbereitete Brei, der hier jungen Zuschauern vorgesetzt wird. Selbst wenn die eine oder andere Idee durchaus charmant erdacht ist, so stellt Die drei Räuber doch die schlimmste Sorte Trickfilm dar: Die Eltern werden ihn aufgrund seiner Harmlosigkeit schätzen und die Kinder genau deswegen todlangweilig finden. 2007-10-16 21:06
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