— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Heimatklänge

D/CH 2007. R,B: Stefan Schwietert. K: Pio Conradi. S: Stefan Krumbiegel, Calle Overweg. P: Maximage, DRS, Zero Film.
81 Min. Ventura ab 10.10.07

Holleridudödeldi tirilidudödeldo

Von Bettina Schuler Dirndl, fiese Volkstümelei und billige Samstagabendshows mit Marianne und Michael als Gastgeber: Diese Bilder spuken einem für gewöhnlich im Kopf herum, wenn man ans Jodeln denkt. Doch spätestens seitdem es die No Doubt-Sängerin Gwen Stefanie gewagt hat, in ihrem Song »Wind It Up« zu Klangcollagen aus dem Musicalfilm The Sound of Music mit aller Inbrunst zu jodeln, steht fest, daß die alpenländische Volksmusik längst ihren Mottengeruch zugunsten einer frischen Brise abgelegt hat und daß Jodeln eine Form der Klangkunst ist, mit der man herrlich experimentieren kann.

In Heimatklänge porträtiert Regisseur Stefan Schwietert, selbst Schweizer und mit dem Jodeln scheinbar bestens vertraut, drei ungewöhnliche Künstler, die das Jodeln als Basis für ihre Stimmkünste entdeckt und perfektioniert haben: Die extrovertierte Erika Stucky, die ihren Berufswunsch Hula Hoop-Tänzerin für das Free-Jazz-Jodeln aufgegeben hat, den zurückhaltenden Noldi Alder, einst Mitglied der legendären Volksmusikdynastie Alder-Gang, und den aufgeweckten Christian Zehnder, der aus seinem Kehlkopf Töne hervorzaubert, von denen kein Mensch wußte, daß sie existieren. Keiner dieser drei weltoffenen, wortgewandten Sänger hat etwas gemein mit dem Klischee des konservativen Volksmusikers. Vielmehr wird das Jodeln hier als ihre musikalische Heimat verstanden, ihre natürliche, non-verbale Form des stimmlichen Ausdrucks, mit dem sie ihren Emotionen freien Lauf lassen können. Mystisch, urig, melancholisch wirken diese Heimatklänge, die mit Gesang im klassischen Sinn nichts mehr gemein haben. Die Bilder von den schneeumhüllten Gipfeln, der Weite der Landschaft und den mythischen Riten der Jodler, die Schwieter für seinen Film wählt, unterstreichen den ursprünglichen und naturverbundenen Charakter dieser Klangkunst, die keiner Worte für ihren Ausdruck bedarf, sondern sich lediglich der Möglichkeiten der menschlichen Stimme bedient, die in diesem Film unerschöpflich scheinen. Mit Hilfe von alten Familienfilmen, Interviews mit Angehörigen und Mitschnitten von Auftritten der Künstler erzählt Schwietert die Lebensgeschichte dieser drei Musiker, die sich um das schlechte Image des Jodelns nicht scheren, sondern sich als Schweizer auf ihren musikalischen Ursprung besinnen und dadurch, befreit von eingefahrenen und gängigen musikalischen Mustern, etwas unglaublich Neues und Innovatives schaffen. Ein echtes Schmankerl, das einem die Augen öffnet für eine andere, mystisch-musikalische Welt, die einem im dröhnenden Alltag weit entfernt scheint. 2007-10-07 01:33

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap