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Gegenüber

D 2007. R,B: Jan Bonny. B: Christine Ebelt. K: Bernhard Keller. S: Stefan Stabenow. P: Heimatfilm. D: Victoria von Trautmannsdorff, Matthias Brandt, Wotan Wilke Möhring, Susanne Bormann u.a.
96 Min. W-Film ab 11.10.07

In guten wie in schlechten Tagen

Von Jutta Klocke Als symbolischer Liebesbeweis taugt der klassische Blumenstrauß heutzutage nur noch wenig. Die romantische Geste ist allzu oft mißbraucht worden, um beim Anblick knittriger Floristenfolie nicht schon zu argwöhnen, daß die mit den Blumen gewürdigte Beziehung nicht (mehr) in Ordnung ist. Das ist auch in Jan Bonnys Langfilmdebüt Gegenüber nicht anders, in dem der stille Streifenpolizist Georg selbst nach langjähriger Ehe immer noch regelmäßig einen Strauß nach Hause trägt. Das gängige Klischee des heuchelnden Seitensprungheimkehrers bedient Georg dabei nicht – genau genommen ist er auf tragische Weise das genaue Gegenteil eines Treuebrechers. Hilflos klammert er sich an eine Beziehung, die längst nicht mehr existiert, sondern in eine Art Zwangsgemeinschaft übergegangen ist, aus der sich keiner der beiden Beteiligten zu befreien vermag.

Was in dieser Ehe nicht in Ordnung ist, entfaltet Gegenüber langsam und über einen für die Beziehung zwischen Publikum und Figuren entscheidenden Umweg. Denn bevor sich der Fokus auf Georg richtet, heftet sich der Blick der streckenweise wieder einmal allzu unruhigen Handkamera zunächst auf die um Selbstwertgefühl ringende Ehefrau. Anne ist Lehrerin und hat damit in den Augen ihres Vaters ihr Potential verschwendet. Der konturlose Gatte kommt dem Bedürfnis nach Anerkennung nicht gerade entgegen. Als Zuschauer schlägt man sich schnell auf die Seite der gedemütigten Tochter, die selbst auch mehr vom Leben erwartet hat als eine triste Mietwohnung und ungesellige Feierabende im dämmrigen Wohnzimmer. Umso plötzlicher und unmittelbarer ist man ihren Gewaltausbrüchen gegen Georg ausgeliefert, die beim Anblick des stoisch ertragenden Ehemannes vor allem ein ratloses Gefühl hinterlassen. Die emotionale Bindung an Anne wird innerlich jäh gekappt, und doch läßt sich diese Figur aufgrund der anfänglichen Identifikation nicht mehr so einfach nach einem Schwarzweiß-schema als aggressives Monstrum verurteilen.

Mit dem perspektivischen Umweg und mit viel Zeit für die Protagonisten gelingt es Bonny und seinem Team, ein allzu simples Täter-Opfer-Bild zu vermeiden, das schnell hätte entstehen können bei der gewählten Thematik. Im Gegenteil trauen sie sich sogar, Georg nicht als reines Opfer darzustellen, indem sie auch ihm seinen Part in der Ehehölle zuweisen – und das ohne »selber schuld«-Arroganz, sondern mit einem klaren, geradezu sachlichen Blick auf die psychologischen und charakterlichen Schwächen, die es so weit zwischen beiden haben kommen lassen. 2007-10-08 07:30

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
© 2012, Schnitt Online

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