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Sicko

USA 2007. R,B: Michael Moore. K: Christoph Vitt. S: Geoffrey Richman, Christopher Seward, Dan Swietlik. M: Erin O‘Hara. P: Dog Eat Dog Films, The Weinstein Company.
113 Min. Senator ab 11.10.07

Die Sendung mit der Micky Maus

Von Mark Stöhr Es sei vorweggesagt: Sicko ist ein scheußlich dummer Film über ein scheußlich dummes Land. Diesmal rückt der Rächer der Entrechteten mit seinem Zirkus dem amerikanischen Gesundheitssystem zu Leibe. Es gibt in den USA weder eine gesetzliche Krankenversicherung noch eine mit Steuern finanzierte Gratisversorgung. Die Amerikaner müssen sich teuer privat versichern oder bleiben – wie 50 Millionen – ganz ohne Versicherungsschutz. Ein profitorientiertes Kartell aus Pharmaindustrie, Krankenhausunternehmen und Versicherungskonzernen feilscht um jeden Cent und verweigert die Unterstützung eher, als sie sie gewährt. Das sind die Fakten, wir hatten schon darüber gelesen. Doch Moore behandelt uns wie Ahnungslose und führt den Nachweis mit immer neuen Protagonisten und in immer neuen argumentativen, nein: propagandistischen Schleifen, um diese eine These zu belegen: Profit und Gesundheit gehen nicht zusammen. Geschenkt – bloß was haben wir Europäer damit zu tun? Einiges, behauptet Moore, und fährt nach Frankreich und England und sieht sich im Paradies der glücklichen Solidargemeinschaft, wo die kostenlosen Mullbinden und Urinkatheter scheinbar nur so vom Himmel regnen. So wenig Differenzierung ist dreist, wüßten wir es nicht besser, geradezu ärgerlich.

Es ist wie immer bei Moore: Was er mit seinem durchaus guten Willen aufbaut, reißt er mit seinem schlichten Filmgemüt gleich wieder ein. Seine Montage setzt auf die emotionale Überwältigung und ist dabei so durchschaubar, daß jegliches Gefühl auf der Strecke bleibt. Im Stile eines Predigers entrollt Moore einen Horizont aus Pathos und Polemik und verlangt vor allem eines: ihm und seinem absoluten Wahrheitsanspruch zu folgen. Was in Übersee funktionieren mag, mündet hierzulande in die Abwehrhaltung – und in die totale Unterforderung. Es bleibt eine schale Empfindung von Schadenfreude über die medizinische Dritte-Welt-Versorgung in einem der reichsten Länder der Erde, das sich als globales Role Model aufspielt. Vor allem aber ein nicht unerheblicher Ärger über die Anmaßung, einen Film mit großem Getöse nach Europa zu bringen, der bei jedem Kinderfilmfestival mangels gedanklicher und formaler Komplexität durchfallen würde.

Eine überraschende Wendung gibt es aber dann doch noch in Sicko, eine einzige Pointe, die aus dem dummdreisten Mantra des Immergleichen ausbricht – ganz am Ende. Da fährt Moore mit einer Gruppe von freiwilligen Helfern des 11. Septembers, die mit den Folgeschäden ihres Einsatzes alleingelassen wurden, in Richtung Guantanamo. Die Al-Qaida-Leute werden umsonst behandelt – warum also nicht auch die Helden der Nation? Das Boot muß nach Kuba ausweichen, wo die US-Delegation von der Feuerwehr Havannas empfangen und bestens versorgt wird. Wahrscheinlich aber waren die Kubaner froh, als der Mützenmann wieder weg war. 2007-10-07 01:29

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.

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