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Klopka – Die Falle

Klopka. SRB/D/H 2007. R: Srdan Golubovic. B: Melina Pota Koljevic, Srdjan Koljevic. K: Aleksandar Ilic. M: Mario Schneider. P: Film House Bas Celik, Mediopolis u.a. D: Nebojsa Glogovac, Miki Manojlovic, Anica Dobra u.a.
106 Min. Progress ab 20.9.07

Schießen oder erschossen werden

Von Dietrich Brüggemann Wenn man »Serbien« hört, denkt man ungefähr das, was man in England immer dachte, wenn man »Deutschland« hörte. Das Deutschlandbild der Engländer soll sich durch den WM-Sommer angeblich geändert haben, unser Bild von Serbien hingegen ist eigentlich gar keins, man denkt Krieg und Miloševic und dann vielleicht noch Kusturica und lustige Balkan-Folklore. Daß solche Denkmuster ein wenig zu kurz greifen, weiß man theoretisch, dennoch hat man sie im Kopf. Film als Mittel der Völkerverständigung funktioniert vor allem da, wo er solche Klischees nicht widerlegen will, sondern einfach ignoriert und sozusagen ortlos daherkommt. Klopka ist so ein Film. Er spielt in einer modernen, urbanen Gesellschaft, deren Bürger sich nicht grundsätzlich von uns unterscheiden. Daß es Serbien ist und nicht Italien oder Venezuela, spielt zwar durchaus eine Rolle, aber der Film definiert sich nicht darüber, sondern erzählt eine Geschichte, die an vielen Orten passieren könnte und verstanden würde.

Ein mittelständisches Ehepaar: Sie ist Lehrerin, er Bauingenieur, das Geld reicht zwar nicht für ein neues Auto, aber zum Leben für sie und ihren zehnjährigen Sohn. Der bricht eines Tages plötzlich zusammen, die Ärzte diagnostizieren einen seltenen Herzfehler, den man zwar operieren könnte, aber in Berlin, was 30.000 Euro kosten würde. Als alle Mittel ausgeschöpft sind, setzt die Mutter ohne das Wissen des Vaters eine Anzeige in die Zeitung und fleht um Hilfe für das Leben ihres Kindes. Der Vater ist zunächst empört und trifft dann doch, widerwillig, den zwielichtigen Patron, der ihm das Geld verspricht – allerdings unter einer Bedingung: Er soll einen Mann erschießen. Dieser Mann entpuppt sich dann als der reiche Vater, der mit seinem Luxusauto jeden Tag Frau und Kind zum selben Spielplatz bringt wie unser Held seinen Sohn. Und das ist erst der Anfang.

Mit gnadenloser Zwangsläufigkeit entfaltet sich ein Konflikt, wie man ihn aus dem antiken Drama kennt, wie er in den klassischen Zeiten des Kinos erzählt wurde, wie man ihn in den letzten Jahren aber immer seltener zu Gesicht bekam. Die Art, wie diese Geschichte sich ohne ein überflüssiges Wort, ohne eine Geste zuviel und doch konsequent bis zum unerbittlichen Ende weiterspinnt, ist schnörkellos und meisterhaft. Es ist vor allem ein Meisterwerk der Drehbuchautoren, Srdjan und Melina Koljevic, denen es gelingt, einen raffinierten Plot zu weben und doch nie die Aufmerksamkeit von ihren Figuren abzuwenden. Ebenso souverän ist Srdan Golubovics Regie, die sich nie in den Vordergrund spielt und jede Szene in einem sanften, präzisen Rhythmus vorantreibt, und Aleksander Ilics Kamera, die aus den Straßen und Innenräumen Belgrads eine klare, zeitlose Kinometropole macht. Anica Dobra ist vor einigen Jahren zu ihren serbischen Wurzeln zurückgekehrt und glänzt hier in einer Nebenrolle als Mutter und Witwe, die in einem grotesken Twist genau dem falschen, also richtigen Mann ihre Hilfe anbietet, der Rest des Ensembles- ist hierzulande weniger bekannt, aber durchweg glaubwürdig und überzeugend.

Klopka gelingt das Kunststück, mehrere Dinge zugleich zu tun – es ist ein langsamer, unerbittlicher Thriller, eine Tragödie von klassischen Dimensionen, zugleich aber auch die Analyse einer Gesellschaft, in der der Mittelstand auf sehr dünnem Eis balanciert, während darüber eine neue, schwerreiche Oberschicht entsteht, von der keiner so genau weiß, wie sie eigentlich ihr Geld verdient. Doch auch der mysteriöse Auftraggeber, der dann spurlos verschwindet, ist vielleicht kein reicher Mafioso, sondern könnte genauso vom Absturz bedroht sein wie unsere Helden, deren Leben da einfach so unter die Räder kommt. Selbst die vereinzelten Momente der komödiantischen Erleichterung sagen etwas über den Zustand der Welt, wenn zum Beispiel ein Bankangestellter freundlich lächelnd einen Kredit verweigert und auf die Frage, warum er denn pausenlos lächle, erwidert: »Wenn ich hier kein freundliches Gesicht mache, verliere ich meinen Job.«

Wenn einem das bekannt vorkommt, dann zeigt das nur, daß unsere Welt von der Belgrads nicht so weit entfernt ist. Wir sind Nachbarn und alle zusammen Teil einer globalisierten Welt, in der die großen Fische die kleinen fressen. Eine klare Message, die einem nirgends demonstrativ unter die Nase gehalten wird, stattdessen eine zwingende Geschichte und ein grandioser Film. 2007-10-08 07:30

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