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Immer nie am Meer

A 2007. R: Antonin Svoboda. B: Christoph Grissemann, Jörg Kalt, Dirk Stermann u.a. K: Martin Gschlacht. S: Oliver Neumann. P: Coop 99. D: Christoph Grissemann, Dirk Stermann, Heinz Strunk, Philip Bialowski u.a.
88 Min. Arsenal ab 4.10.07

Gegen den Baum

Von Maya McKechneay Humor, schreibt Sigmund Freud, ist »eine Methode des menschlichen Seelenlebens, sich dem Zwang des Leidens zu entziehen«. Baisch, Anzengruber und Schwanenmeister, drei Herren mittleren Alters, die nach einem Unfall gemeinsam in einem Mercedes Benz eingeschlossen sind, könnten Linderung durch Humor gebrauchen. Festgefahren im Wald zwischen zwei Bäumen wächst stündlich ihr Leid, gibt es doch bis auf einen Rest Heringssalat nichts zu essen, nichts zu trinken als eine Flasche Sekt und dank klemmender Fensterheber auch keine Möglichkeit, sich woanders zu entleeren als im Innern des Wagens.

»Erstmal ’n lecker Zigarettchen«, würde Helge Schneider in so einer Situation vielleicht sagen – und sich so Unlustabfuhr verschaffen. Doch diese drei sind quasi professionelle Verzweifler: Baisch (dargestellt von fm4-Radio-Entertainer Dirk Stermann), ein lethargischer Archäologie-Professor, sträubt sich gegen die Einsicht, daß seine Frau ihn für einen Jüngeren verläßt. Sein Noch-Schwager Anzengruber (fm4-Kollege Christoph Grissemann) betäubt seinen »Weltekel« mit Zigaretten, Alkohol und Psychopharmaka. Und Schwanenmeister (gespielt vom Kabarettisten Heinz Strunk), ein deutscher Alleinunterhalter, dessen grobschlächtiger Humor in der niederösterreichischen Provinz nicht so gut ankommt, laboriert seit einem verpaßten Coming Out an einer ganzen Palette von Neurosen.

Das Drehbuch zu Immer nie am Meer entstand in Zusammenarbeit zwischen Regisseur Antonin Svoboda (Spiele Leben) und den Hauptdarstellern, unter Mithilfe des kürzlich verstorbenen Wiener Autors und Regisseurs Jörg Kalt: ein wenig filmischer Stoff, dieses Kammerspiel, das fast komplett im Innern eines Autos spielt. Sollte man jedenfalls meinen, zumal die Autoren-Darsteller Grissemann und Stermann in Österreich primär als körperlose (Radio-)Stimmen bekannt sind. Der fertige Film funktioniert aber durchaus visuell: Im Wageninneren geht es ebenso um die Frage des Sehens (der anderen in diversen Rück- und Seitenspiegeln) und Gesehen-Werdens (beim Heimlich-Kekse-Schlingen in der Nacht) wie beim Versuch, die Außenwelt auf sich aufmerksam zu machen. Vorbeirauschende Autos werden wahrgenommen, bemerken aber umgekehrt nicht den gestrandeten Benz. Wenn man so will, eine verschrobene Allegorie auf die einseitige Wahrnehmungssituation im Kino.

Kameramann Martin Gschlacht, der einen Großteil des Drehs unter einer Decke auf der Kühlerhaube liegend verbrachte, macht aus der Lichtsituation das Beste: Tags arbeitet er weitgehend mit natürlichem Licht, nachts sorgt er mit einem eingebauten Strahler in den Leselampen des Wagens für realistisch-knappe Beleuchtung. Und wenn es einmal kein Licht gibt, weil im Wald keins brennt, dann bleibt die Leinwand eben dunkel.

Während der Humor der Wageninsassen als demonstrativ infantil gezeichnet ist (»Was sitzt im Wald und macht nuk-nuk?« – »Ein Kuckuck mit Hasenscharte.«), entspringt uns als Publikum Lustgewinn aus der Beobachtung von außen: Wie lächerlich wirken all die Mikrodramen im Inneren der Blechkiste, wenn sich die Kamera zur Totalen auf eine Lichtung zurückzieht. Von fern schaukelt das Auto, dessen Insassen sich verzweifelt gegen Türen werfen. Von ihren Schreien bleibt nur ein dumpfes Japsen. »Ist es schon genug?«, fragte uns Michael Haneke während des Martyriums der Geiseln in Funny Games. Immer nie am Meer straft unseren Voyeurismus subtiler: Irgendwann taucht ein Junge auf, ein käsegesichtiger Pfadfinder, der die drei ebenfalls in Geiselhaft nimmt, sie von außen beobachtet, füttert oder ihnen Nahrung und Licht entzieht. Bevor man die Haltung dieses »brat from hell« einnimmt, sympathisiert man gerne mit den Herren, die trotz aller gegenseitiger Denunziationen stets liebenswert bleiben.

Natürlich wird Immer nie am Meer, der den gleichen Titel trägt wie ein Grissemann-&-Stermann-Satire-Band aus dem Jahr 1999 (nach dem wiederum der sehr schöne Song der Münchner Moulinettes benannt ist), auch in der Nachfolge der Ö-Kabarettfilmwelle der 1990er rezipiert. Narrativ dichter als Harathers Indien (1993) und auf kluge Art hinterfotziger als Düringers Hinterholz 8, hat sich dieser Film einen Erfolg im deutschsprachigen Ausland verdient.

Sympathie gebührt ihm aber vor allem dafür, daß er eins der abgenudeltsten Arthouse-Genres, das Euro-Roadmovie, wie es auch in Österreich zeitweise boomte, als Potential aufgreift, nur um es bei Minute 17 konsequent zu schrotten. Zeit gewesen. Gut gemacht. Danke. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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