Das Leben ist eine Baustelle
Von Martin Thomson
Die Inbetriebnahme des »Drei-Schluchten-Staudamms« im letzten Jahr zementierte nicht nur den Reform- und Modernisierungsprozeß der allseits gefürchteten nächsten Weltmacht, sondern wurde seitens der chinesischen Regierung auch als Verwirklichung maoistischer Großmachtfantasien umgedeutet.
In Still Life, dem letztjährigen Gewinner der 63. Filmfestspiele in Venedig, brechen sich die politischen Dimensionen eines neuen Chinas an den Schicksalen zweier Figuren, die sich als Stellvertreter all jener betrachten lassen, die den Wassermassen weichen mußten. Zum einen ist da San-ming Han, dessen Gattin ihn vor 20 Jahren mitsamt der gemeinsamen Tochter verließ und der mit Schrecken feststellen muß, daß sich der aktuelle Aufenthaltsort seiner verloren gegangenen Familie auf dem Grund des Jangtses befindet, und da ist Hong-shen Guo, deren Ehemann vor zwei Jahren zu den Baustellen von Fengjie aufbrach und seither die Wurzeln ihrer einstigen Beziehung gekappt und sich eine reiche Unternehmerin zur Geliebten gemacht hat. Still Life evoziert mit den Totalen einer ruinösen Städtelandschaft den Anblick scheinbar endloser Selbstzerstörung, in der die Schutt- und Steinschufter für ein vermeintlich besseres Morgen zu winzigen, schwarzen Silhouetten verschwinden.
Obdach- und Heimatlosigkeit scheinen hier zum System geworden zu sein, in dem der Zustand des Vergangenheitslosen zum Prinzip einer Suche geworden ist, die kein Zentrum und damit kein Zuhause mehr kennt. Jia Zhang-ke ist eine meisterhafte Elegie auf Verlorenheit und Stillstand geglückt, deren fulminante Schlußeinstellung die Barriere einer zwischen Vergangenheit und Moderne aufgeriebenen Gesellschaft überwindet und das Kunststück vollbringt, neue Räume zu erobern, statt sich auf Botschaften zu beschränken.
1970-01-01 01:00