— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Geliebte Jane

Becoming Jane. GB/USA/IRL 2007. R: Julian Jarrold. B: Kevin Hood, Sarah Williams. K: Eigil Bryld. S: Emma E. Hickox. M: Adrian Johnston. P: 2 Entertain, BBC Films, Blueprint u.a. D: Anne Hathaway, James McAvoy, Julie Walters, James Cromwell u.a.
120 Min. Concorde ab 4.10.07

Romantick

Von Mary Keiser Man muß leiden, um ein guter Schriftsteller zu sein. Dieses alte Klischee könnte der Grund für die mit romantischen wie tragischen Details aufpolierte Biographie Jane Austens sein. War sie nur eine vorzügliche Beobachterin der Probleme anderer Leute, oder hat sie das eigene Erleben einer unerfüllten Liebe kompensiert, indem sie glückliche Liebespaare und perfekte Happy Ends erschuf? Von der Meisterin des verwickelten Liebesromans kann man sich wohl einfach schwer vorstellen, eine spröde Jungfer gewesen zu sein.

In Geliebte Jane wird sie selbst zu einer ihrer Romanfiguren und ihr Leben zu einem Drama. Die charmanten Wortgefechte im Stil ihrer Bücher zwischen der lebenslustigen Jane und dem draufgängerischen Tom Lefroy machen deutlich, daß Srewballkomödien keine Erfindung des 20. Jahrhunderts sind. Zwar kennen Menschen aller Länder und Zeiten jugendliche Balzrituale, aber selten werden sie so kultiviert ausgeführt wie in den Erzählungen Jane Austens. Die Story allerdings hat eher modernen Charakter, vor allem weil heutzutage das Empfinden von Authentizität proportional zur Tragik einer Geschichte zu steigen scheint. Das wahre Leben hat kein Happy End. Die junge Liebe zerbricht also an den gesellschaftlichen Schranken des späten 18. Jahrhunderts, als eine gute Partie noch wichtiger war als eine gute Party.

Doch auch versagtes Glück kann sehr romantisch sein, weniger märchenhaft zwar, aber dennoch ergreifend. Nicht zuletzt Kamera und Licht erzeugen eine Atmosphäre, in der man mit den zwischen »Verstand und Gefühl« hin- und hergerissenen Liebenden fühlt und die Funken zwischen ihnen fast sprühen sieht. Die anzüglichen Scherze wirken in der prüden Umgebung noch unartiger, aber auch abgesehen davon bereitet der elegante Sprachwitz Vergnügen, wie z.B. die Beschreibung des Waldes durch den überzeugten Stadtmenschen Tom: »Oben zu grün und unten zu braun«.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob man Geschichten auf der Basis eigener Erfahrung anschaulicher erzählen kann oder ob man gerade aus Ermangelung derselben seine Fantasie voll auslebt. Stempelt man die von Biograph Jon Spence zusammengeschusterten »neuen Erkenntnisse« über das Leben der Autorin als Marketinggag ab, bleibt immer noch eine amüsante Hommage an die Autorin. Wenn es bei Shakespeare in Love erlaubt war, Anekdoten in das Leben von Englands berühmtestem Dichter einzuflechten, muß dies natürlich ebenso für eine Pionierin der Emanzipation gelten. Gleiches Recht für alle. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #48.
© 2012, Schnitt Online

Sitemap