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Die Fremde in dir

The Brave One. USA/AUS 2007. R: Neil Jordan. B: Roderick Taylor, Bruce A. Taylor, Cynthia Mort. K: Philippe Rousselot. S: Tony Lawson. M: Dario Marianelli. P: Redemption, Village Roadshow u.a. D: Jodie Foster, Terrence Howard, Nicky Katt, Naveen Andrews, Mary Steenburgen u.a.
119 Min. Warner ab 27.9.07

Knapp daneben ist auch vorbei

Von Martin Thomson Wer dieser Tage ins Kino geht, der wird das Gefühl nicht los, einem Déjà-vu beizuwohnen, denn mit Die Fremde in dir gesellt sich zu dem vor zwei Wochen angelaufenen von James Wan inszenierten Death Sentence ein weiteres Rachedrama, in dem die Hauptfigur einen Feldzug gegen ihre Peiniger unternimmt. Doch im Gegensatz zu Wan, der den eher zweifelhaften Ruf besitzt, durch sein Regiedebüt Saw für eine Konjunktur schaulustbedienender Horrorfilme gesorgt zu haben, handelt es sich bei Neil Jordan immerhin um einen allseits anerkannten und mit zahlreichen Preisen dekorierten Filmemacher vornehmlich anspruchsvoller Produktionen, zu denen Werke wie The Crying Game oder (wie zuletzt) Breakfast on Pluto zählen. Die Fremde in dir schafft es zwar nicht in die Riege dieser meisterhaft montierten Gesellschafts- und Charakterstudien, befindet sich aber dennoch in einer cineastischen Gewichtsklasse, mit der es Death Sentence nicht aufnehmen kann – und das trotz der hier wie dort vorfindbaren Fragwürdigkeiten im Umgang mit Selbstjustiz und der sozialen Mißlage urbaner Lebensentwürfe.

Im Zentrum des Films steht Erica Bain, eine idealistische Radiomoderatorin mit einem ungewöhnlichen, weil ungeheuer persönlichen Format, in dem sie literarische Zitate mit ihren Schilderungen vom Leben in der Großstadt kombiniert; dadurch kreiert sie eine intime und melancholische Sendung, die eine treue Zuhörerschaft besitzt. Als ihr Freund und Gatte in spe, der dunkelhäutige David bei einem brutalen und in aller Konsequenz dargestellten Überfall ermordet wird, scheint Erica die Existenzgrundlage entzogen. Was im Affekt seinen unheilvollen Anfang nimmt, entwickelt sich fortwährend zu einer Obsession, der auch ihr neu gewonnener Freund, der Ermittler Mercer, nichts entgegensetzen kann. Erica ist an einem Punkt, an dem ihr einstiger Glaube in Recht und Vernunft in pure Selbstaufgabe umgeschlagen ist und ein Alter ego unabdingbar gemacht hat.

Schaut man sich New York-Filme an, die nach 9/11 entstanden sind, ist immer wieder auffällig, wie intensiv sie sich der Romantisierung entledigt haben, die die Stadt früher einmal so ideal für Großstadtkomödien und Beziehungsfilme gemacht hat. Wo die Metropole in den Jahrzehnten vor 9/11 meist als schwungvolle Stadt der Weltoffenheit dargestellt wurde, herrscht in Filmen wie Spike Lees 25th Hour oder nun auch in Die Fremde in dir eine Mentalität der Stagnation. Die Zeiten, als Regisseure wie Woody Allen Feuerwerkskörper an der Skyline der Millionenstadt zu den Takten von George Gershwin explodieren ließen, gehören inzwischen der Vergangenheit an – selbst der Prototyp des Ostküsten-Intellektuellen hat den Schauplatz seiner Tragikomödien inzwischen nach Europa verlegt.

Neil Jordan unterlegt seinen New York-Film nun mit einer Geräuschkulisse aus lärmenden Mobiltelefonen und ununterbrochenem Autostrom. Die Räume, in denen sich die Figuren bewegen, sind abgeschottete Rückzugshöhlen, private Absperrkammern gegen die verkommene Außenwelt, die sich glatt und bürokratisch gibt und an deren Rändern gewalttätige Fremde lauern. Keine Frage: In Die Fremde in dir ist New York zum Sinnbild einer brutalen Gegenwärtigkeit verkommen, ein Ort, dem jeder Glanz abhanden gekommen ist. Als Parabel auf die diffuse Wahrnehmung der Moderne funktioniert Die Fremde in dir denn auch hervorragend, und es bedarf vermutlich der Radikalität und Fragwürdigkeit, die ein Thema wie Selbstjustiz mitsichbringt, um darüber den spezifischen Bezug zu den USA herzustellen. Dennoch wirkt der Bruch, der sich an Erica Bain vollzieht, seltsam behauptet, und er rührt von einer so plötzlich hervorbrechenden Aggression, für die selbst Travis Bickle seinerzeit einen längeren Anlauf brauchte. Bedauerlich, denn gerade in den Spielszenen zwischen Erica und Mercer erweist sich das Drehbuch als hervorragende Anleitung für ein gelungenes Kammerspiel zwischen Jodie Foster und Terrence Howard; gerade mehr solcher Dialogszenen, in denen das facettenreiche Verhältnis von Täterschaft und rechtlicher Handhabung, von Aktion und Reaktion, von moralischer Rechtfertigung und Selbstbestrafung ausdiskutiert wird, hätte es bedurft, um die prekäre Thematik mit so viel Differenziertheit zu beleuchten, daß der Film das Abrutschen in die Ecke reaktionärer, bisweilen aber auch schlichtweg trivialer Thrillerunterhaltung erspart geblieben wäre. Dieses Ziel hat er leider verfehlt – wenn auch knapp. 1970-01-01 01:00
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