Hätte, wenn und aber
Von Sascha Ormanns
Vor mehr als 50 Jahren war es L. B. Jefferies, der in seiner Wohnung hockte und durch sein
Fenster zum Hof allerhand beobachten konnte. In der Gegenwart angekommen versucht sich Regisseur Caruso mit
Disturbia an einer Hommage auf eben diesen Teil des Hitchcockschen Œuvres, wobei die Fußfessel – zur Strafe vom Staat angelegt – durch die LaBoufs Figur in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, nur geringfügig eine solche Würdigung erkennen läßt. Überhaupt wirkt der Film unentschlossen, funktioniert der erste Teil noch gut und gerne als »Teenie-Beziehungskomödie« (abgesehen von ein paar Szenen des LaBouf-Charakters, die auf ein anderes Genre zielen), die sicherlich begeisterte Anhänger eben diesen Alters finden dürfte, versucht Caruso im zweiten Teil immer mehr das »Suspense« einzuführen. Beide Teile für sich betrachtet funktionieren vielleicht ganz gut, doch hapert es an deren Zusammenführung, beziehungsweise an der Zeit, die Caruso nach überlanger erster Hälfte für den zweiten Teil fehlt.
Plotausblendend und technisch betrachtet liefert
Disturbia nichts Neues, die Kamera filmt natürlich auf Blockbuster-Niveau, hat jedoch außer einer Wiederverwertung des scheinbar selbstgedrehten Pseudodokumentarstils der Marke »
The Blair Witch Project« keine Raffinessen zu bieten. Obendrein werden einige Schwächen des Drehbuchs nur allzu deutlich, hat es doch sowohl eine ärgerliche Liebesgeschichte als auch einen allzu dummen Killer parat. Eines von beidem wäre – auch rein rechnerisch – nur halb so schlimm, beides in Kombination jedoch wirkt unglaubwürdig: allerdings nicht persiflierend selbstironisch wie in
Scream, sondern eher unfreiwillig komisch. Objekt der Liebe ist hier Ashley (typisch amerikanischer Name, nicht wahr?), verkörpert von Sarah Roemer, die von LaBoufs Figur, von ihr nicht unbemerkt, bespitzelt wird. Dennoch ist nichts zu sehen von Empörung oder dergleichen, die Schöne klingelt beim Protagonisten und schließt sich der ganzen »Ich-bespitzel-andere-Leute«-Aktion an. So is dit Leben, aber wirklich.
Zweites (schon erwähntes) großes Problem: der blöde Killer. David Morse muß dafür ran, hat er noch in
16 Blocks bewiesen, daß er den korrupten und nach außen undurchsichtigen Cop ganz gut schauspielern kann, so muß er sich hier mit einer ziemlich einfältigen Rolle begnügen. Was anfangs noch ganz gut klappt, nämlich, daß man nicht weiß, ob Mr. Turner nun wirklich der besagte Killer ist, obgleich uns der sagenhaft unpassend von der Requisite ausgesuchte Ohrstecker vielleicht schon auf die Soziopathie hinweisen soll, relativiert sich im Prinzip dadurch schnell, daß
Disturbia nun mal ein ernstzunehmender Suspense-Thriller sein will. Natürlich gibt es auch in anderen Filmen ein Happy End, wo manchmal eventuell keines sein sollte, doch dieses wirkt wirklich zu konstruiert und schnell herbeigeführt. Hätte Caruso – beziehungsweise das Drehbuch – weniger Zeit für den ersten Teil vergeudet und diese sinnvoller für den zweiten genutzt, aus
Disturbia hätte ein mittelmäßig guter Suspense-Thriller werden können. Hätte, wenn und aber.
1970-01-01 01:00