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Shoot 'Em Up

USA 2007. R,B: Michael Davis. K: Peter Pau. S: Peter Amundson. M: Paul Haslinger. P: New Line Cinema. D: Clive Owen, Monica Bellucci, Paul Giamatti u.a.
86 Min. Warner ab 20.9.07

Haddu Möhrchen?

Von Sascha Ormanns Shoot 'Em Up ist sowohl Titel des hier zu besprechenden Films als auch eine Bezeichnung für ein Computerspiel-Genre: Charakteristisch für diesen Typus ist die Zielsetzung, mit einer vom Spieler gesteuerten Figur möglichst viele feindliche Einheiten – die natürlich in großer Überzahl auftreten – zu vernichten, um sich schlußendlich (als Belohnung) in den Highscore eintragen zu können. Eines der bekanntesten dürfte wohl »Space Invaders« darstellen.

Die Wahl des Titels war somit wohl kein Zufall, denn im Prinzip ist der Film eine, natürlich angepaßte, Übertragung eines Shoot 'Em Up-Spiels aus dem Computerkosmos auf die Kinoleinwand. Das Presseheft zitiert den Regisseur und Drehbuchautor Davis folgendermaßen: »Es geht darum, Schießereien clever und fantasievoll zu variieren.« Ähnlichkeiten – sowohl in der Intention Davis' als auch im Ergebnis – zu einem Shoot 'Em Up-Spiel lassen sich also nicht von der Hand weisen (daß es sich hierbei Gott sei dank nicht um eine Uwe Bollsche Computerspielumsetzung handelt, ist allerdings wichtig festzuhalten).

Shoot 'Em Up ist eindeutig inspiriert von John Woos Hard Boiled, und daß Michael Davis die Idee einer Filmszene – in der Chow Yun-fat sich mit Pistole in der Hand und einem Baby im Arm durch ein Krankenhaus schießt – entnommen und weitergesponnen hat, ist offensichtlich. Wenn man diese Art Film mag, macht Shoot 'Em Up Spaß: Im Prinzip wird die ganze Zeit geschossen, die andauernde Action wird durch die punk-, grunge- und rockige Filmmusik vorangetrieben, nur wenige, kurze Momente läßt Davis dem Zuschauer, um durchzuatmen, Energie für die nächste Actionsequenz zu tanken. Diese sind nämlich lang, beziehungsweise kommen in mehreren Aneinanderreihungen vor; nichtsdestotrotz schafft es der Regisseur, gezielt humoristische Dialoge so einzusetzen, daß der Zuschauer weder angewidert noch von der Fülle dieser Abschnitte überfordert wird. Die Gewalt ist natürlich gut choreographiert, jedoch teilweise so hanebüchen, daß sie sich selbst – mit einem Augenzwinkern – ad absurdum führt.

Der gesamte Film erinnert ein wenig an den Ego-Shooter »Max Payne« (kein Shoot 'Em Up, was soll's): Auch hier war der Protagonist mit einem Ledermantel bekleidet und konnte sich in solch akrobatischen Bewegungen durch die Luft bewegen; das filmische Pendant heißt Smith und ist mit Clive Owen fabelhaft besetzt. Er mimt den wahrscheinlich mürrischsten und zynischsten Mann der Welt mit einer Bravour, die nur schwer bei einem anderen Schauspieler vorstellbar ist. Doch Smith kann nicht nur mürrisch sein, in brenzligen Situationen ist er durchaus auch einfallsreich – er steht in der Tradition seines Namensvetters John »Hannibal«, der es in solchen Fällen auch immer liebt, wenn ein Plan funktioniert – und baut beispielsweise haarsträubende Gewehrschußanlagen. Als Entdeckung des Films (und »schurkisches« Highlight) muß allerdings Paul Giamatti erwähnt werden, der hier den Antagonisten auf eine für Giamatti ungewohnte, anwidernde und bösartige Weise verkörpert, daß man bei manchen seiner Auftritte verzweifelt hofft, daß niemand wirklich so ist.

Die Farben in Shoot 'Em Up, gepaart mit der rasanten Schnittfolge lassen Comicatmosphäre aufkommen und unterstreichen nur die Hektik des Helden in seiner Bodyguardrolle. Einzige Wehrmutstropfen sind manch überzogener und qualitativ minderer CGI-Effekt, der noch dazu für die Dynamik und Rasanz des Films total unnötig gewesen wäre und eine zu brutal geratene, den Mittelpunkt des Films verfehlende Folterszene, die zwar für ein späteres filmisches Amüsement sorgt, sonst jedoch keine weitere Funktion hat, außer – selbst hier deplatziert – gewalttätig zu wirken.

Shoot 'Em Up ist in gewisser Weise auch grenzwertig. Die Frage nach Recht und Unrecht und die Methoden der »Rechtschaffenheit« sind – wie in so manchem Film – fragwürdig. Darf der »Held«, obgleich er guten Grund hat, sich einzumischen, so eingreifen, wie er es eben tut? Hat Selbstjustiz Berechtigung? Darf der Protagonist dieses Films seine Gegner mit Karotten hinrichten? Darf der Held Bagatellen seiner Mitmenschen mit grober Gewalt beantworten? Darf Paul Giamatti als Bösewicht tote Frauen begrapschen? Unabhängig von der Intention des Filmemachers muß man sich als Zuschauer auch die Frage nach der Moral stellen, andererseits handelt es sich hierbei jedoch nicht um die Realität (sondern vielleicht eher um einen Feldzug gegen das Böse, eben ausgedrückt in möglichst vielen variantenreichen Schießereien). Und letztendlich ist Shoot 'Em Up ein Film ist ein Film ist ein Film. 1970-01-01 01:00

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