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Hamburger Lektionen

D 2006. R,B,S: Romuald Karmakar. K: Fred Schuler, Frank Müller, Casey Campell. S: Karin Nowarra. P: Pantera Film. D: Manfred Zapatka u.a.
133 Min. Farbfilm ab 20.9.07

Wir Ungläubigen

Von Mark Stöhr Im Januar 2000 hielt Mohammed al-Fazazi, damals noch Imam der Al-Quds-Moschee im Hamburger Viertel St. Georg, mehrere Lektionen im Gebetsraum der Moschee, bei denen die Gläubigen Fragen zu verschiedenen Aspekten des Lebens stellen konnten. Ein Unbekannter nahm diese Sitzungen auf und vertrieb das Video in verschiedenen Buchhandlungen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde bekannt, daß zumindest drei der vier Attentäter – Mohammed Atta, Ziad Samir al-Jarra und Marwan al-Shehhi – die Moschee regelmäßig besuchten und den Imam zu Einzelgesprächen trafen. Mohammed al-Fazazi steht für eine rigide, konservative Linie des Islam, den so genannten Salafismus, nach dem allein der Prophet und seine Gefährten sowie die drei nachfolgenden Generationen gläubig und rein genug gelebt haben. Al-Fazazi verbüßt mittlerweile eine 30jährige Haftstrafe in seiner Heimat Marokko, da er auch als geistiger Urheber der Anschläge in Casablanca gilt. Aufgrund des Videos rekonstruierte Romuald Karmakar mithilfe mehrerer Übersetzer den vollständigen Wortlaut von zwei der Sitzungen.

Wie schon beim Himmler-Projekt verwendet Karmakar eine dokumentarische Methode, die er selbst als »Rekonkretisierung eines Dokuments« bezeichnet. Wieder sitzt Manfred Zapatka in einem neutralen Raum und liest. Sein Ton ist gesetzt und sachlich, neben ihm zwei Schemel, vom rechten nimmt er die Texte auf, auf dem linken legt er sie ab. Die Kamera nimmt ihn von halbrechts in den Blick, dazu alternierend zwei Frontaleinstellungen, ein Close Up auf Zapatkas Gesicht – nichts soll den Fokus auf das Vorgelesene stören. Und das hat es in sich. Es beginnt mit allgemeinen theologischen Erörterungen, etwa über die genaue Datierung des Ramadan-Beginns. Die ersten Fragen werden gestellt – im Film auf Zetteln hereingereicht: Ob es der Koran erlaube, mit einem gefälschten Reisepaß auf Pilgerfahrt zu gehen. Al-Fazazi versucht es mit einer freien Auslegung der Heiligen Schrift, die solche Probleme nicht kennt, und kommt am Ende zum Schluß, besondere Umstände erforderten zuweilen auch die Übertretung weltlicher Gesetze. Das klingt noch harmlos, hier scheint einer am Werk, der einen prekären, aber pragmatischen religiösen Standpunkt vertritt.

In der Mitte des Films jedoch kippt die Stimmung. Wurden die Gläubigen vorher noch dazu ermahnt, sich den Regeln ihrer deutschen Wahlheimat zu beugen und die »Ungläubigen« zu respektieren, sickert mehr und mehr Gift in die Worte des Predigers. Von kolonialistischer Entmündigung der Moslems ist die Rede, von westlichem Imperialismus, der die islamische Welt im Würgegriff halte. In der Blumigkeit seines pastoralen Sermons al-Fazazis, in der rituellen Wiederkehr der Formel »Mohammed, Gott segne ihn und schenke ihm Heil« findet eine zu Beginn fast unmerkliche, dann immer unverhohlenere Mobilmachung statt. Plötzlich ist es erlaubt, die »Ungläubigen« zu bestehlen, weil man sich damit nur zurückholen würde, was einem selbst zuvor gestohlen wurde. Plötzlich darf man sie gar töten, wenn sie den Propheten beleidigen. Plötzlich ist jeder »Ungläubige« ein »Krieger«, der sich am demokratischen Prozeß beteiligt. Die Predigt wird zum Pamphlet, zu einem Zeugnis paranoider Hetzpropaganda.

Der Film legt das Skelett des religiösen Fundamentalismus frei, wie es nur in dieser Form möglich ist. Jede weitergehende Theatralisierung, jede Art von Reenactment hätte die feinen, perfide angelegten rhetorischen und ideologischen Scharniere der Predigt überspielt. Nur in ihrer minutiösen Rekonstruktion, ihrer »Rekonkretisierung«, wird offenbar, wie aus der forcierten Interpretation eines religiösen Textes ein Mittel zum Terrorismus werden kann. Koran ist nicht gleich Koran: Es kommt darauf an, wer aus ihm vorliest. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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