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Zimmer 1408

USA 2007. R: Mikael Håfström. B: Scott Alexander, Larry Karaszewski, Matt Greenberg. K: Benoît Delhomme. S: Peter Boyle. M: Gabriel Yared. P: Dimension Films, Di Bonaventura Pictures. D: John Cusack, Samuel L. Jackson, Mary McCormack u.a.
104 Min. Senator ab 13.9.07

Die aufgemotzte Geisterbahn

Von Dietrich Brüggemann Wenn man gebeten wird, auf keinen Fall an einen Bären zu denken, dann ist klar, woran man denkt. Wenn im Märchen die Prinzessin den Befehl bekommt, auf keinen Fall eine ganz bestimmte Tür zu öffnen, dann ist klar, was sie tut. Der Mensch will immer da hin, wo es verboten und gefährlich ist, er will forschen und entdecken, deswegen hat er die Welt erobert und sich am Ende eine technisierte Zivilisation ausgedacht, in der es Kinofilme gibt, in denen wir Leuten dabei zugucken können, wie sie stellvertretend für uns durch verbotene Türen gehen, denn wenn wir alle selber ständig durch verbotene Türen gehen würden, würde unsere technisierte Zivilisation bald zusammenbrechen, und dann gäbe es auch keine Filme mehr, die von verbotenen Türen handelten.

Diese archaische Grundkonstellation ist es, die Zimmer 1408 zumindest am Anfang zu einem ziemlich zwingenden Film macht. Da ist der große John Cusack, der schon in Meisterwerken zu sehen war, aber auch manch mittelmäßigen Film durch seine Anwesenheit geadelt hat. Er spielt einen durch und durch sarkastischen Schriftsteller namens Mike Enslin, der Hotels bereist, in denen es angeblich spukt, und dann reichlich trashige Bücher darüber schreibt. Der Film ist sich selber nicht so sicher, ob das jetzt Bestseller sind oder eher Bücher, die sich so halbwegs verkaufen – seine Werke stehen zwar überall herum, aber zu seiner Lesung kommen nur so etwa zweieinhalb Leute. Einer von denen gibt ihm dann ein Frühwerk zum Signieren, einen offenbar durchaus ernstgemeinten Roman, den er mal geschrieben hat, und wir lernen, daß dieser Mann nicht immer der Zyniker war, der er jetzt ist. Er hatte mal eine Tochter, eine Familie, ein Leben. Alles vorbei, dafür kriegt er jetzt eine Postkarte mit dem Hinweis auf ein Hotel in New York und dem Hinweis, Zimmer 1408 doch besser nicht zu betreten. Dreimal darfste raten, was er jetzt tun wird.

Der Hoteldirektor ist aber nicht irgendwer, sondern Samuel L. Jackson. Er beschwört Cusack in einer großartigen, ausufernd langen Szene, das Zimmer nicht zu betreten, es nimmt kein Ende, wir wissen genau, was passieren wird, und doch macht der Film in diesen Momenten unbändigen Spaß. Auch als Cusack dann im Zimmer ankommt und der Spuk zunächst sehr bedächtig losgeht, ist das wie die Vorfreude in der Achterbahn, wenn der Wagen langsam anfängt sich zu bewegen, wenn es steil bergauf geht und der Gipfel näher kommt, und man weiß, daß es gleich losgeht und man nicht mehr aussteigen kann.

Und dann geht es los. Und geht doch nicht so wirklich los. Zimmer 1408 ist böse. Die Heizung macht, was sie will, die Bilder an den Wänden entwickeln ein Eigenleben, der Wecker stellt sich selber auf eine Stunde Countdown, und mit dem Mann im Fenster gegenüber stimmt auch was nicht. Was mit dem nicht stimmt, kann man sich auch schon im Trailer des Films ansehen, es ist ein großartiger Kinomoment, wobei es weniger ein Moment ist als eher ein Effekt. Und das ist auch das Problem des Films, das sich hier mehr und mehr zeigt: Ihm fehlt irgendwie der Inhalt. Das Zimmer vernichtet alle, die darin sind, das ist schon irgendwie okay, aber für eine Filmhandlung reicht es nicht so richtig, zumindest hätte man gerne noch ein bißchen menschliche Interaktion, Drama, Entwicklung oder so was. Der Schriftsteller hat eine Vergangenheit, seine Tochter starb an Krebs, seine Ehe ist daran zerbrochen, das übliche also, weil sein Problem aber komplett in der Vergangenheit liegt und eigentlich nur ihn was angeht, gibt es nicht so richtig den Stoff her, aus dem die Filme sind. Vielleicht ließe sich mit diesem formelhaften Hintergrund womöglich eine brauchbare Handlung stricken, wenn er denn irgend etwas mit dem bösen Hotelzimmer zu tun hätte, aber da diese beiden Dinge reichlich unverbunden nebeneinanderstehen, kommt einem irgendwann alles egal vor. Menschlich, emotional, dramatisch passiert nicht viel, daher beschränkt sich Zimmer 1408 auf ein Feuerwerk an filmischen Überraschungs- und Verwandlungseffekten. Auch das muß nicht per se schlecht sein, im Gegenteil, der Bühneneffekt als solcher hat eine lange Tradition und enthält zuweilen eine tiefere Wahrheit, in der genausoviel Inhaltliches drinstecken kann wie in einer ausgefuchsten Handlung – aber er trägt halt nur dann zum Ganzen bei, wenn er beitragen darf und nicht alles selber tragen muß.

John Cusack ist ein Kinoheld vom alten Schlag, einer, der nicht sein Ego vor sich herträgt, sondern in seinen Figuren aufgeht. Man folgt ihm gern durch verbotene Türen. Mit irgendeinem Standardschauspieler an seiner Stelle wäre Zimmer 1408 wahrscheinlich unerträglich, aber auch so macht sich im Lauf des Films immer mehr bemerkbar, daß das titelgebende Zimmer nur eine aufgemotzte Geisterbahn ist, in der man oft erschreckt wird und selten was passiert. Selber Geisterbahn fahren wäre nett, mit John Cusack einen spannenden Film durchleben wäre auch schön, aber John Cusack beim Durchfahren einer Geisterbahn zuzuschauen, ist auf Dauer etwas zu wenig. 1970-01-01 01:00
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