— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Sisters in Law

GB/CM 2005. R: Florence Ayisi, Kim Longinotto. K: Kim Longinotto. S: Ollie Huddleston. P: Vixen Films.
104 Min. Ventura Film ab 13.9.07

Sisters are doin’ it for themselves

Von Tamara Danicic Eigentlich wirkt im ersten Moment alles ganz idyllisch: eine Fahrt durch das Dorf Kumba in Kamerun, dazu afrikanische Musik aus dem Weltmusikregal. Sehr schnell jedoch wird klar, daß einiges im Argen liegt in der Dorfgemeinschaft. Im Büro der Staatsanwältin Vera Ngassa stapeln sich die Fälle unterdrückter oder mißhandelter Frauen, und auch Richterin Beatrice Ntuba hat alle Hände voll zu tun.

Auf drei konkrete Fälle konzentrieren sich die beiden Filmemacherinnen Kim Longinotto und Florence Ayisi – und immer sind es unbeschützte Frauen und Mädchen, denen sie zu einer Stimme gegen die patriarchalische Gesellschaft verhelfen. Da ist zum Beispiel die Geschichte der kleinen Manka, die von ihrer Tante als Arbeitssklavin mißbraucht und brutal geschlagen worden ist. Völlig verschreckt steht sie vor der Staatsanwältin und muß ihren vernarbten kleinen Körper vorführen. In solchen Momenten spürt man die Emotionen von Vera Ngassa hochkochen, die sich dann über Mankas Tante entladen. Dann ist sie nicht mehr nur die Juristin, die im Dienste des Staates ihren Job macht. Und dennoch hat Ngassa die professionelle Distanz (und auch die Größe), die als Sadistin gebrandmarkte und zu einer Gefängnisstrafe verurteilte Tante später im Zuchthaus zu besuchen und sich danach zu erkundigen, ob sie noch Medikamente brauche.

Auch die beiden Filmemacherinnen bewegen sich entlang eines solchen Grates zwischen Unvoreingenommenheit und Parteinahme. So beobachten sie zum einen, ganz in der Tradition des Direct Cinema, kommentarlos die Gespräche zwischen Opfern, Tätern und Staatsanwältin, zeichnen deren unterschiedliche Motivationen und Argumentationen nach und zeigen den Ablauf der Gerichtsverhandlungen. Daß keiner der Beteiligten von der Anwesenheit der Kamera irritiert oder beeinflußt wirkt, begründet Longinotto nicht zuletzt mit dem auf sie und ihre Tonmeisterin reduzierten eingespielten Team: »Im Dokumentarfilm wird aus kleinen Kameras ein Fetisch gemacht; man glaubt, daß die Szene umso natürlicher wird, je kleiner die Kamera ist. Nicht die Kamera ist es, die die Menschen einschüchtert – es sind die Filmemacher.«

Gleichzeitig ist aber immer klar, wie die Sympathien verteilt sind. Man spürt die Zuneigung und Bewunderung, die Longinotto und Ayisi vor allem für ihre beiden Protagonistinnen Vera Ngassa und Beatrice Ntuba hegen. Drei Monate haben sie in Kumba verbracht und ihnen bei ihrer Arbeit zugesehen. Im Gegensatz etwa zu Depardons 10e chambre hält die Kamera in Sisters in Law zumeist keinen Sicherheitsabstand, sondern geht ganz nah an die Menschen ran (die von ihrem jeweiligen Problem emotional zu sehr in Beschlag genommen sind, als daß sie sich der Kamera widmen würden). Sie bewegt sich zwischen den Sprechenden, um neben ihren Worten auch den entsprechenden Gesichtsausdruck einzufangen. Dank dieser Strategie lassen sich Ängste, Unsicherheiten und Lügen nur schwer verbergen.

Sisters in Law lebt vor allem von der Leidenschaft der zwei couragierten Streiterinnen für die Rechte der (noch immer) weitgehend Rechtlosen, aber auch gleichermaßen von der Hingabe ihrer Verbündeten hinter der Kamera. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap