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Ein mutiger Weg

A Mighty Heart. USA/GB 2007. R: Michael Winterbottom. B: John Orloff. K: Marcel Zyskind. S: Peter Christelis. M: Harry Escott, Molly Nyman. P: Paramount Vantage, Revolution Films u.a. D: Angelina Jolie, Dan Futterman, Archi Panjabi, Mohammed Afzal, Mushtaq Khan u.a.
100 Min. Universal ab 13.9.07

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Von Martin Thomson Was ein Film darbietet, das trägt fast immer das Etikett der Wahrheit. Im Gegensatz zur literarischen Verarbeitung realer Geschehnisse sind Bilder der menschlichen Wahrnehmung nähergelegen. Kein Wunder also, daß Filme, die mit einem dokumentarischen Gestus Phänomene der Weltgeschichte zu rekonstruieren versuchen, immer daran gemessen werden, wie authentisch sie sind; wenn sich zu der zeitlichen Rekonstruktion auch noch ein politischer Hintergrund gesellt, wird rasch der Vorwurf laut, daß Tatsachen schon mal übergangen werden, um der dramaturgischen Effektivität zu gehorchen, die meist substanzielles Instrument einer höchst subjektiven politischen Sichtweise ist, mit der es ein Publikum für die eigene Sache zu gewinnen gilt. Michael Winterbottom hat spätestens mit Road to Guantanamo unter Beweis gestellt, daß der Wechsel von Spiel zu Spekulation, auch filmisch gesehen, eine kraftvolle Wirkung erzielen kann. Das mag vor allem daran liegen, daß er die formalen Spielregeln moderner Berichterstattung wie kein zweiter nachzuahmen versteht; jedes bei ihm rezipierte Bild ist mit dem verbunden, was beim Zuschauer an mehr oder weniger präsenten Erinnerungsbruchstücken aus den Abendnachrichten hängengeblieben ist. Eine Methode, die unter Kritikern auf Begeisterung und Skepsis gleichermaßen trifft. Auch Ein mutiger Weg wirft einmal mehr die Frage auf, wie real etwas sein kann, das die medial gefilterten Bilder als filmische Wahrheit zu kultivieren versucht. Wie wahr kann das mediale Bild überhaupt sein, wenn es filmisch rekonstruierbar ist? An diesen Fragen scheitert und gewinnt jeder Film von Winterbottom, der sich der Aufarbeitung jüngerer Geschichte annimmt.

Ein mutiger Weg ist jedoch keineswegs als Auseinandersetzung über mediale und filmische Realitäten gemeint; als ebenso unwesentlich erweisen sich die politischen Zusammenhänge, die dem hier dargestellten Szenario vorausgegangen sein müssen. Winterbottom erzählt im Grunde eine ziemlich bekannte Geschichte um Verlust und Gemeinschaft und verzichtet zugunsten des Fokus‘ auf die Hauptfigur auf komplexe moralische Perspektivierungen und Informationen über die Ursachen für die Entführung und schlußendliche Enthauptung des Journalisten Daniel Pearl. Dennoch schwingt dieser große Komplex immer mit, fordern die ungeheuer real wirkenden Szenarien, die in ihrer Beiläufigkeit fast schon an das polyphone Nebeneinander aus Robert Altmans Filmen erinnern, zu Fragen auf, die der Film vielleicht nicht mal explizit stellt. Das macht ihn auf einer Ebene seines Kontextes zwar interessant; für sich genommen ist Ein mutiger Weg jedoch belanglos, denn Winterbottom begeht im Grunde den gleichen Fehler wie Oliver Stone mit seinem Verschütteten-Drama World Trade Center (obgleich mit weniger desaströsen Konsequenzen): Er bedient sich einer weltpolitischen Kulisse, um eine Geschichte zu erzählen, die jene nicht mal erfordert hätte. Den Amerikaner Stone und den Briten Winterbottom eint vielleicht neben ihrer gemeinsamen Rolle als radikale Filmemacher ihr gleichzeitiges Versagen, wenn es um so etwas wie eine kathartische Antwort auf den Terrorismus geht: Da bleibt dem einen nur der hilflose Rückgriff auf das amerikanische Familienheil im Weichzeichner und dem anderem das leidige Klischee vom Berichterstatter im Zeichen des journalistischen Ethos.

Vor allem aber leidet Ein mutiger Weg unter seinem Bemühen, authentisch erscheinen zu wollen; die bewußt auf pointenlose Abbildung bemühten formalen Gestaltungsmittel stehen in störendem Kontrast zu der inhaltlich auf die Befindlichkeit der Protagonistin beschränkten Handlung; jene wiederum vermag die zwei Stunden Laufzeit jedoch nicht zu tragen. Denn auch, wenn Angelina Jolie in einer durchaus beeindruckenden Darbietung vergessen macht, daß ihre spielerischen Qualitäten zu Tomb Raider-Zeiten auf das anregende Aussehen ihres Körpers in einem hautengen Neopren-Anzug beschränkt blieben, erscheint ihre Figur zu wenig greifbar; in den ziellos arrangierten Fragmenten, die der Film aufbereitet, wird zwar ihr Leid und ihre Ungewißheit immer wieder zum Thema gemacht, aber es bleibt eine kühle Behauptung, aufgestellt, um immer mal wieder zu einem plötzlichen Anfall von Tragik überzuleiten, der vor dem Hintergrund der zuvor befolgten Nüchternheit deplaziert erscheint.

Im Endeffekt ist Ein mutiger Weg ein ziemlich überflüssiger Film, nach dem die Erkenntnis wächst, daß es besser ist, die Nachrichten in der bewährten TV-Variante zu schauen, statt sich die Kinoadaption zu geben. Nicht gerade ein kinoförderliches Gefühl. 1970-01-01 01:00
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