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Zwölf Stühle

D 2004. R,B,K,S,P: Ulrike Ottinger. S: Bettina Blickwede. D: Georgi Delijew, Genadi Skarga, Olga Rawitzkaja u.a.
198 Min. Freunde der deutschen Kinemathek ab 13.1.05

Schatz der Epik

Von Oliver Baumgarten Eine russische Bauersfrau vor ihrem patina-schicken Dorfhaus lächelt freundlich und ein wenig neugierig aus ihr Kopftuch heraus in die Kamera – in der Hand eine bepackte Plastiktüte mit dem feinen Logo von Coco Chanel. Wir befinden uns im Rußland der ausgehenden 10er Jahre, und daß trotzdem en passant derlei Requisiten auftauchen und halbwegs moderne Traktoren und Autos die zeitgenössischen Straßen frequentieren, ist Teil des märchenhaft schönen Anachronismus', den Ulrike Ottinger ihrem Film zugrunde legt. Nach dem Roman von Ilja Ilf und Jewgeni Petrow erzählt sie die Geschichte eines Standesbeamten, der sich auf die Suche nach zwölf in alle Ecken Rußlands verstreuten Salonstühlen macht. In einem dieser Stühle nämlich, das hatte ihm die dahinscheidende Schwiegermama vor ihrem Ableben noch geflüstert, verbergen sich wertvollste Diamanten aus dem Familiengeschmeide – in welchem allerdings, das weiß er nicht. So zieht er durch die Provinzen und sammelt Stück für Stück die Sitzgruppe wieder zusammen.

Über fast dreieinhalb Stunden erstreckt sich diese filmische Schatzsuche, den eigentlichen Schatz aber, den hat der Zuschauer mit Betreten des Kinos selbst schon längst gefunden. Zwölf Stühle ist ein seltenes Beispiel brillanter Fabulierkunst. Während die Kamera in epischer Ruhe von einem malerischen Tableau zum nächsten wechselt, in denen sich neben der blanken Schönheit von Natur und Architektur auch in kühnem Tempo die Geschichte entspinnt, erklingt immer wieder die eindrückliche Stimme von Peter Fitz, der als Erzähler die kapitelartige Struktur verbindet. Die gesamte Ironie, der Witz und die Hintergründigkeit der Erzählung korrelieren so einwandfrei mit den Bildern und den in russischem O-Ton aufgenommenen Schauspielern, daß im Nu der Rhythmus des Films seine Harmonie mit dem Betrachter schließt. Zwölf Stühle ist dergestalt gewissermaßen eine Essenz dessen, was Literaturverfilmung meinen könnte: Sprache verbindet sich mit Bildern, ohne daß eines der beiden Elemente komplett seine Autonomie abgeben müßte. Wenn Zeit heute schon als eines der wertvollsten Güter angesehen wird, dann ist Ulrike Ottingers Film in jedem Falle eine Investition wert. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #37.
© 2012, Schnitt Online

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