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Das zweite Leben des Monsieur Manesquier

L'homme du train. F/D 2002. R: Patrice Leconte. B: Claude Klotz. K: Jean-Marie Drejou. S: Joelle Hache. M: Pascal Estève. P: Ciné B, Zoulou u.a. D: Jean Rochefort, Johnny Hallyday, Jean-François Stévenin, Charlie Nelson u.a.
90 Min. Alamode ab 24.11.05

Besser spät als nie

Von Patrick Hilpisch Eine zufällige Begegnung in einer kleinen französischen Dorfapotheke führt zwei Männer zusammen, die eigentlich nur eins gemeinsam haben: drei Tage Zeit. Drei Tage, bis der in die Jahre gekommene Bankräuber Milan mit drei Komplizen die ortsansässige Bank überfallen wird. Drei Tage, bis sich der pensionierte Lehrer Manesquier einer dreifachen Bypass-Operation unterziehen muß. Drei Tage, in denen die beiden konträren Charaktere über ihr Leben, ihre Versäumnisse und ihre Träume reflektieren, sich die Frage stellen, was wäre, wenn ich das Leben des anderen geführt hätte?

Daß sich der Film angesichts einer solchen Plotanordnung nicht in trübsinnigem Lamentieren über verpaßte Chancen und vergeudete Zeit verliert, verdankt sich der souveränen und leichtfüßigen Inszenierung Lecontes, der gekonnt die Gratwanderung zwischen Drama und Komödie meistert, ohne die nötige Tiefe auf der einen und den nötigen Esprit auf der anderen Seite vermissen zu lassen. Manesquier begegnet seinem geordneten und ereignislosen Leben zwar mit offensichtlicher Melancholie, bricht diese jedoch gleichzeitig mit einer guten Portion Galgenhumor und phantasievoller Eloquenz. Die filminhärente Dynamik zwischen Fatalität und hoffnungsvoller Träumerei spiegelt sich auch im visuellen Konzept, wenn Leconte die monochromen, blaustichigen Bilder des Milan zugeordneten »Gangster-Erzählstrangs« mit den behaglich anmutenden Einstellungen in Manesquiers Haus konterkariert.

Obwohl sich die Wege der beiden Männer nur kurz kreuzen, entwickelt sich schnell eine äußerst intime Beziehung. Beide gehen mit dem Bewußtsein aus dieser Begegnung heraus, etwas Entscheidendes gelernt zu haben. Dies ist zwar spät geschehen, aber es ist geschehen. So künden die kleinen, aber feinen Transferleistungen der »Belehrten« von kleinen persönlichen Revolutionen. Denn es sind die kleinen Dinge, die den Beginn großer Veränderung einleiten, so ist auch die ins Metaphysische gleitende Coda des Filmes zu verstehen. 1970-01-01 01:00

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Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
© 2012, Schnitt Online

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