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Zwei ungleiche Schwestern

Les soeurs fachées. F 2004. R,B: Alexandra Leclère. K: Michel Amathieu. S: Hervé de Luze, Jacqueline Mariani. M: Philippe Sarde. P: Pan Europeenne, Studio Canal u.a. D: Isabelle Huppert, Catherine Frot, Brigitte Catillon u.a.
93 Min. Arsenal ab 25.8.05

Der Einen Freud, der Anderen Leid

Von Judith Bömer Überdreht-nervös steigt die Jüngere aus der Provinzbahn. Hektisch-genervt nimmt sie die Ältere am Pariser Bahnhof in Empfang. Es ist das erste Wiedersehen nach Jahren. Als die Jüngere drei Tage später wieder in den Zug steigt, werfen sich beide Schwestern einen letzten beinahe empathischen stummen Blick zu, so als seien sie sich einig: Man kann und muß nichts erzwingen, nur weil man zufällig verwandt ist.

Zwischen Pariser Ankunft und Abfahrt von Louise erwartet den Zuschauer in Alexandra Leclères Spielfilmdebüt Zwei ungleiche Schwestern eine geschwisterliche Tour de force über 90 Minuten mit heiteren wie melancholischen Facetten.

Eine überdrehte Typisierung regiert den zunächst komischen Auftakt des Films. Leclère entwirft weibliche Oppositionen, wohin das Auge reicht: Die eine, Louise, ist eine Kosmetikerin vom Lande, eine naiv-träumerische Erscheinung mit dem Gutmensch-Charme und der Ungeschicklichkeit einer Amélie. Die andere, Martine, eine wie nur zu bourgeoisen Repräsentationszwecken lebende Ehefrau und Mutter, deren Kratzbürsten-Appeal an die alte Jungfer Augustine aus Ozons 8 Femmes erinnert. Und wie hier ist es abermals Isabelle Hupperts nuancenreiches Spiel, das Leclères Film zu dringend benötigter Tiefe verhilft.

Denn allein als Pas de deux der Gegensätze inszeniert, würde die Geschichte nur allzu leicht ins Leere laufen. Wenn aber Martine mißgünstig mitansehen muß, wie Landei Louise – auch hier überzeugt die Besetzung mit Catherine Frot – mit ihrer draufgängerisch enervierenden Art ihr Glück und ihre Lebensfreude in die elitären Pariser Kreise der älteren Schwester versprüht, läßt sich nach und nach erahnen, daß Martines Snobismus, Kontrolliertheit und hängende Mundwinkel eine andere, eine Gegengeschichte erzählen. Sukzessive wird Louises Kurzaufenthalt samt ihrer kleinen Erfolge – sie findet einen Verleger für ihren ersten Liebesroman, die Männer aus Martines nächstem Freundeskreis fühlen sich plötzlich von ihrer kindlichen Erscheinung aus dem faden Großbürgerleben aufgerüttelt – zum Spiegel für Martines eigenes Leben. So schaut sie auf ein Leben aus Lügen, Intrigen und Mißerfolgen, ohne Sinn und Träume. Daß sie dies endlich ändern will, aus eigenem Antrieb und nicht in kategorischer Abgrenzung zur Schwester, wird am Ende in Aussicht gestellt.

Zwei ungleiche Schwestern läuft dank der beiden Protagonisten nicht Gefahr, in Sentimentalitäten abzurutschen. Stattdessen herrscht eine atmosphärische Dichte aus jugendlichem Übermut und aufgeladener Angespanntheit, die die Zerbrechlichkeit des Films ausmacht wie auch seine Aggressivität. Sie wird verkörpert durch die Figur Martine, die mit geballter Faust in der Tasche ständig kurz vor dem Zerbersten zu stehen scheint. Schließlich entlädt sich ihre Wut in einer befreienden Ohrfeige.

Kontrolliert und streng durchkomponiert wirkt auch die Inzenierung. Leclère lehnt die Improvisation für sich ab. An einigen Stellen jedoch hätte ein größerer Handlungsspielraum dem Film gut getan. Auch bei den Dialogen, vorneweg der theatralisch geratenen Weltschmerzklage von Martines Ehemann über deren Liebesentzug, wünscht man sich etwas mehr von der Eingebung des Augenblicks. Dafür überzeugt die Regisseurin mit einigen originellen Drehbuchideen. Eine der schönsten ist die kleine Hommage an den Regisseur Jacques Demy: Im Fernsehen schauen Martine und Louise sein Musical »Die Mädchen von Rochefort«, einen ihrer Lieblingsfilme aus Kindertagen, und trällern im ausgelassenen Gleichtakt den Refrain mit. Dieser rührende Moment, der eine bunte Knallbonbon-Welt ins Wohnzimmer holt, vereint die Schwestern zum ersten und einzigen Mal. Diesmal ist es ein echter Pas de deux. 1970-01-01 01:00
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