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Zwei Brüder

Two Brothers. F/GB 2004. R,B: Jean-Jacques Annaud. B: Alain Godard. K: Jean-Marie Dreujou. S: Noëlle Boisson. M: Stephen Warbeck. P: Pathé Films. D: Guy Pearce, Jean-Claude Dreyfus, Philippine Leroy-Beaulieu, Freddie Highmore u.a.
105 Min. Tobis ab 16.9.04

The Eye of the Tiger

Von Birgit Joest Ein gewaltiger Tiger streift durch den tiefen Dschungel Indochinas. In den mit Lianen überwachsenen Resten eines buddhistischen Tempels trifft er auf eine Artgenossin: ein Liebesspiel zwischen Ballett und Kampf. Sie gründen eine Familie und bekommen zwei Söhne, doch kann der Bravste nicht in Frieden leben, wenn der böse Nachbar es nicht will. Und das ist in diesem Falle schlicht – der Mensch. Die Einheimischen fürchten den Tiger, die ungewollte Begegnung mit ihm im Dschungel, seine Raubzüge im Busch nahe der Dörfer. Die Kolonialherren wiederum schätzen ihn als prestige- und gewinnbringende Trophäe, ebenso wie die Jahrtausende alten überlebensgroßen Buddhastatuen, die der Brite Aidan McRory dem Vergessen zu entreißen und in seiner Heimat zu Geld zu machen sucht. Die Tempelräuber entdecken das Liebesnest der Tiger und erlegen einen von ihnen. Die Mutter flieht mit Sangha, dem sanftmütigen der beiden Jungen, während Kumal gefangen wird. Erst in der Arena des provinzfürstlichen Palastes sollen die beiden Brüder sich wieder begegnen – diesmal als Feinde.

Mit Zwei Brüder, der einmal mehr die uralte Geschichte von Mensch und Tier, der Dichotomie von Zivilisation und Wildnis erzählt, nimmt Regisseur Jean-Jaques Annaud das Sujet wieder auf, mit dem er vor über 15 Jahren einen – für eben dieses Sujet – außerordentlichen Erfolg feierte: den Tierfilm. Seine aktuelle Arbeit ist gewiß noch erstaunlicher und großartiger als L'Ours geraten, vor allem, was die Kameraarbeit von Jean-Marie Dreujou betrifft. Sie beweist großes Einfühlungsvermögen bei den ohne Zweifel spektakulären Aufnahmen der Großkatzen und einen besonderen Blick für atemberaubende Landschaftspanoramen sowie für die prachtvollen Drehorte, allen voran die verwunschen wirkenden Tempelanlagen von Angkor.

Zwei Brüder ist ein Augenfilm, wie er im Buche steht. Doch trotz aller handwerklichen Perfektion und einer rührenden Story vermag er nur selten an den Charme heranzureichen, wie ihn noch L'Ours entfaltete. Dafür sind Einfälle wie jene, wenn Kumal in einer Holzkiste mit der Aufschrift »Savon le chat« in den Zirkus abtransportiert wird, während sich Brüderchen Sangha auf dem Plüschtierbord in Raouls Kinderzimmer in besserer Gesellschaft befindet, zu selten.

Offensichtlich wollte Annaud diesmal eben mehr und schießt damit über das Ziel hinaus. Nicht selten stößt man beim Betrachten des Films auf Motive und Bildprogramme, die an Kreationen aus dem Hause Disney erinnern, was ja per se nichts Schlechtes bedeuten muß. Doch hinsichtlich der Figurenzeichnung etwa büßt der Film erheblich an psychologischer Glaubwürdigkeit ein, die auch seinem hochmoralischen Sinngehalt letztlich abträglich ist. Die animalischen und doch extrem vermenschlichten Hauptdarsteller Kumal und Sangha foppen ihre Häscher aus dem Reich der Homo Sapiens, die zu klischiert sind, als daß man sie ernst nehmen könnte, wie der schwitzig-schmerbäuchige französische Kommissar mit seiner vernachlässigten Frau; der hinterhältige asiatische Dorfälteste, der den sich doch als edel erweisenden Meisterjäger und -dieb McRory zuerst zum Tempel führen läßt, um ihn dann an die örtlichen Behörden zu verraten; die hakennasigen, brutalen Tierbändiger und nicht zuletzt seine dekadente Exzellenz mit habgierig-naiver Gespielin aus dem Abendland und so fort.

Auch die Tonspur läßt eine gewisse Sensibilität vermissen: Kam Annaud in L'Ours gewissermaßen artgerecht noch nahezu ohne Sprache aus, glaubt man in diesem Film, der in einem für den Großwildjäger Aidan läuternden Beinahe-Show-Down endet, den mehr als eindeutigen Plot im Dialog erklären zu müssen. Zugedeckt werden zahlreiche Sequenzen vom bisweilen allzu dichten musikalischen Klangteppich von Stephen Warbeck.

Ein etwas weniger pastoser Auftrag, gerade in diesem Teilsystem, wäre der filmischen Gesamtkomposition sicher nicht abträglich gewesen. Annaud erlegt sich selbst Beschränkungen auf, indem er sich zu sehr an Genrekonventionen und Schematisierungen hält. So wird ein groß angelegtes und aufwendig produziertes Tier-Epos im Kern letztlich auf solide Familienunterhaltung reduziert. 1970-01-01 01:00
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