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Zusammen!

Tillsammans. S/DK/I 2000. R,B: Lukas Moodysson. K: Ulf Brantås. S: Michal Leszczylowski, Fredrik Abrahamsen. P: Mamfis u.a. D: Lisa Lindgren, Michael Nyqvist, Gustaf Hammarsten, Anja Lundqvist u.a.
106 Min. Concorde ab 12.4.01

Kommun-isten

Von Sascha Westphal Spanien ist weit weg. Aber als Göran am 20. November 1975 in den schwedischen Spätnachrichten vom Tod Francisco Franco Bahamondes hört, spielt diese Entfernung keine Rolle. Der Tod des Diktators muß einfach die ganze Welt zu einem etwas besseren Ort machen. Schließlich war er ein Feind all der Ideen und Träume, für die Göran und die anderen Mitglieder der Kommune Zusammen! Tag für Tag streiten. So läuft er von einem Zimmer zum nächsten und verkündet die frohe Botschaft. Das Ende einer politischen Ära Spaniens wird in Stockholm als ein weiterer Sieg auf dem Weg zu einer gerechteren Ordnung gefeiert. Entfernungen spielen dabei keine Rolle. In diesem Moment sind wirklich alle Bewohner der Kommune vereint.

Obwohl sie noch gar nicht so lange zurückliegen, wirken die 70er Jahre aus heutiger Sicht unendlich weit weg. Die ungeheure Politisierung aller Lebensbereiche und der unbedingte Glaube an eine absolute Freiheit auch in der Liebe wirken nun fremd wie ein ferner Traum, aus dem man irgendwann recht unsanft erwacht ist. Aber in dieser Fremdheit liegt der eigentliche Reiz jener Zeit. Man muß sie wieder entdecken und sich hineinfinden in ihre Ideen und Stimmungen. Im Prinzip kann man den 70ern nur über Darstellungen und nicht durch Reflexionen nahekommen. So zeichnet der schwedische Autor und Filmemacher Lukas Moodysson in Zusammen! vor allem typische Situationen der Zeit nach, ohne sie zu kommentieren. Dieses Vorgehen hat aber nichts Nostalgisches, es erfordert vielmehr eine ungeheure Erkenntnisarbeit, auf die sich nun auch der Zuschauer einlassen muß. In der Beschreibung des damaligen Lebens liegt der Schlüssel zum Verstehen, jeder Versuch einer Analyse würde nur den Blick wieder verstellen.

Zusammen sein, eins sein, eine wahre Gemeinschaft Gleichberechtigter bilden, das ist ein Ideal, dem auch die Bewohner dieser Kommune nur schwer gerecht werden können. Sie streben zwar danach, manche etwas mehr, andere deutlich weniger, aber im Prinzip bleiben sie doch die meiste Zeit über Einzelne. Der erste Gedanke gilt trotz aller guten Vorsätze in der Regel der eigenen Person. Nur der unendlich gutmütige Träumer Göran denkt praktisch nie an sich, er kann sogar – wenn mal wieder alle im Garten Fußball spielen – aus tiefstem Herzen über ein Tor seines Gegners jubeln. Es ist diese Bereitschaft zur Selbstaufopferung, mit der er die Kommune endgültig auf die Probe stellt, als er seine von ihrem Mann mißhandelte Schwester Elisabeth mit zwei Kindern in das an sich schon überfüllte Haus aufnimmt. Aber es ist eben auch diese Selbstlosigkeit, die erst ein wirkliches Miteinander jenseits aller Äußerlichkeiten ermöglichen kann.

Lukas Moodysson war selbst noch ein Kind in den 70er Jahren. Er hat sie also nur aus der Froschperspektive erlebt und kann sich ihnen nun auf sehr unvoreingenommene Art nähern. Er tastet sich langsam vor, erfüllt von Sympathie für eine Generation von Idealisten, die vor allem eines wollte: die Einsamkeit aus dem Leben der Menschen zu verbannen. Aber die Liebe zu den Träumern und Weltveränderern trübt nicht einen Moment lang seinen Blick. Für ein paar der Mitglieder, für die Egoistin Lena genauso wie für den Revolutionär Erik und für Signe und Sigvard, die zwei dogmatischsten Kommunarden, gibt es keine Zukunft innerhalb der Kommune. Aber wenn sie dann gehen, folgt Moodysson ihnen einen Augenblick lang mit dem Blick des Bedauerns. Selbst eine utopische Gesellschaft, wie sie in den 70ern denkbar war, erfordert eine Mäßigung, die Einzelne ausschließen wird. Aber jeder, der Zusammen! verläßt, nimmt auch ein Stück von dessen Traum mit. 1970-01-01 01:00

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