— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Zurück nach Dalarna!

Masjävlar. S 2004. R,B: Maria Blom. K: Peter Mokrosinski. S: Petra Ahlin, Michal Leszczylowski. M: Anders Nygards. P: Memfis Film Rights IV. D: Sofia Helin, Kajsa Ernst, Ann Petrén, Lars G. Aronsson u.a.
98 Min. Kool ab 9.2.06

Drei Schwestern

Von Julian Tyrasa Die ehrgeizige Mia hat sich in Stockholm eine Karriere als Programmiererin aufgebaut und führt ein Leben wie offenbar alle erfolgreichen Singlefrauen auf der Welt: Viel Arbeit, wenig Privatleben (»Für eine Beziehung hätte ich gar keine Zeit.«), und für die fehlende Wärme hat sie ja neuerdings die Fußbodenheizung. An diesem Wochenende jedoch fährt sie zurück nach Dalarna, der verschlafenen Provinz Schwedens, in der sie geboren wurde, weil ihr Vater hier in der zugeschneiten Landschaft seinen 70. Geburtstag mit der ganzen Familie feiern will.

Bereits nach der rasch erzählten Exposition ahnt man, wovon der Film handeln wird: Vom Kontrast zwischen Land- und Großstadtleben, von vereisten Gefühlen und Beziehungen, von niemals ausgetragenen Konflikten in der Familie und so weiter. Tatsächlich arbeitet der Film brav all diese Standardsituationen ab, und häufig hat man das Gefühl, einzelne Szenen und Wendepunkte bereits (mehrfach) gesehen zu haben (etwa in Fucking Åmål, Festen oder The Ice Storm) – aber es gelingt Zurück nach Dalarna! dann doch, eine ganz eigene Atmosphäre zu kreieren. Das hat zum einen mit den hierzulande komplett unbekannten Darstellern zu tun, die bis auf einige allzu deutliche »stumme« Szenen hervorragend agieren, zum anderen mit der sepiafarbenen Einsamkeit der Bilder; vor allem aber dürfte es an Maria Bloms bisheriger Arbeit als Theaterregisseurin liegen: Mehr noch als die genannten Filmbeispiele durchweht der Geist Ibsens und Tschechows die kühle Szenerie (wohl nicht zufällig geht es auch hier um »Drei Schwestern«). Ebenso schonungslos wie liebevoll seziert die Autorin und Regisseurin die Sorgen und Nöte der Protagonistinnen und bewegt den Zuschauer damit sehr.

Diese Stärke des Films erweist sich gleichzeitig aber auch als seine größte Schwäche: Gelingt Maria Blom zu Beginn noch eine nahezu perfekte Balance aus komischen und tragischen Momenten, aus düsteren Bildern und IKEA-Harmonie, so entwickelt sich die Geschichte gegen Ende hin zu einem arg überladenen Problemdrama, dessen Häufung von schwierigen Lebensgeschichten eindeutig kontraproduktiv ist. Bald schon wünscht man sich, nicht auch noch den Konflikt der zehnten Nebenfigur so ausführlich dargelegt zu bekommen – hier wäre weniger wirklich mehr gewesen, was auch für manchen Dialog gilt. Auch wenn einige der behandelten Themen interessant und berührend erzählt werden – spätestens als eine der Figuren den beinahe schon obligatorischen »Opfertod« sterben muß, damit die anderen endlich aus ihrer Lethargie erwachen, rückt die kalkulierte Konstruktion des Drehbuchs störend in den Mittelpunkt und läßt den einzelnen Geschichten und Charakteren einfach keine Chance mehr.

Zurück nach Dalarna! ist wesentlich ernsthafter und tiefgründiger als jüngst Så som i himmelen, mit dem die Verleihfirma ihn werbetechnisch vergleicht, und schauspielerisch und emotional bekommt der Zuschauer durchaus Hochkarätiges geboten. Man sollte aber vorher wissen, daß man das Kino mit einem ähnlichen Gefühl verlassen wird wie die Gäste das Geburtstagsfest im Film: abgefüllt bis zum Rand. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap