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Zodiac

USA 2007. R: David Fincher. B: James Vanderbilt. K: Harris Savides. S: Angus Wall. M: David Shire. P: Warner, Paramount u.a. D: Jake Gyllenhaal, Mark Ruffalo, Anthony Edwards, Robert Downey Jr. u.a.
158 Min. Warner ab 31.5.07

Der Killer, was will er?

Von Dietrich Brüggemann Wenn man in den 1990er Jahren in eine Videothek ging, dann wurde man erstmal erschlagen von Mord und Totschlag. Alles war voll mit Serienkillern. Meistens hausten sie in finsteren Kellern, sammelten komische Tiere, bedeckten ihre Wände mit Zeitungsausschnitten, krakelten Bücher voll mit tintenschwarzen Hieroglyphen und hatten jeder so seine persönliche Obsession. Das alles lag eigentlich nur an zwei Filmen, nämlich Silence of the Lambs und David Finchers Seven. Diese beiden Filme berührten Urängste, waren erfolgreich und wurden solange immer wieder neu verfilmt (es gab sogar, höchst symbolisch, einen Film über einen Serienkiller, der andere Serienkiller imitiert), bis irgendwann die Luft raus war. Es kam die Jahrtausendwende, es kamen American Beauty und L.A. Confidential und der elfte September, drei filmische Ereignisse, deren jedes auf seine Weise die Maßstäbe verschob.

David Fincher verschob selber ein paar Maßstäbe und schlug dem ausgehenden Jahrzehnt mit Fight Club triumphal den Nagel in den Sarg, entspannte sich dann mit Panic Room, war ein paar Jahre weg und ist jetzt wieder da mit einem Film über einen Serienkiller, der in den 1960er und 1970er Jahren in San Francisco umging und nie gefaßt wurde. »Zodiac« nannte sich der Unbekannte, der Briefe mit kryptischen Symbolen an Zeitungsredaktionen schickte und am liebsten Pärchen umbrachte. Ende der 1960er sitzt eine Runde von rauchenden Herren in Hemden ratlos in der Redaktion des San Francisco Chronicle und reicht ein Papier herum, von dem der Absender verlangt, es solle auf der Titelseite veröffentlicht werden. Der Film folgt den Spuren einiger Menschen, die über die nächsten zwei Jahrzehnte versuchen, den Fall aufzulösen – Jake Gyllenhaal spielt den Karikaturenzeichner, der eher zufällig dabei ist und sich von da an immer mehr in den Fall verbeißt, bis er am Ende das definitive Buch zum Thema schreiben wird (auf dem auch der Film basiert), Robert Downey Jr. gibt einen fröhlich-zynisch-versoffenen Journalisten, Mark Ruffalo ist der Polizist, der irgendwann nichts mehr vom Zodiac-Killer wissen will.

Fincher nimmt sich Zeit für die Geschichte und nimmt sich selbst zurück – sein bekannter Regiestil, die virtuell entfesselte Kamera, ist nur spurenweise zu sehen. Der Fokus liegt auf Gyllenhaals Figur, der sich, ohne eigentlich einen besonderen Grund zu haben, immer tiefer in den Fall eingräbt. Die ganze erste Stunde verbringt der Film in den ausgehenden Sechzigern, als die allgemeinen Lockerung von ‘68 noch längst nicht alles durchdrungen hat. Dann werden aus den Sechzigern allmählich die Siebziger, die Haare werden länger, die Kleider bunter, alles will auf einmal cool sein und wird dadurch seltsam uncool. Die eigentliche Handlung, die Ermittlungen, die ganze Sucherei treibt zwar den Film voran, spielt sich aber fast ausschließlich in den Dialogen ab, die wie meist im amerikanischen Polizeifilm immer knapp und beiläufig und vernuschelt rüberkommen. Wer wirklich alles ganz genau wissen will, sollte vielleicht Untertitel oder Synchronfassung in Erwägung ziehen, alle anderen können hier eine schöne Reise durch eine akribisch wiederbelebte Zeit machen, bis am Ende alle zwanzig Jahre älter sind und so klug als wie zuvor. Die ganz großen Kino-Emotionen stellen sich da nicht ein, es ist eher ein gemächliches Gleiten auf einem ziemlich tiefen Gewässer, das David Fincher da inszeniert. Er streift die großen Fragen, ohne sie zu konfrontieren, und hinterläßt doch eine Ahnung von der Faszination, die einen unbedeutenden Polit-Karikaturisten packte und ihn dazu brachte, Jahre seines Lebens mit der Suche nach einem Killer zu verbringen, von dem man bis heute nicht weiß, wer es war. 1970-01-01 01:00
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