— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Zizek!

USA 2005. R,B: Astra Taylor. K: Jesse Epstein, Martina Radwan. S: Laura Hanna. M: Jeremy Barnes. P: Hidden Driver Productions, The Documentary Campaign. D: Slavoj Zizek.
71 Min. RealFiction ab 28.6.07

Balkanbeats

Von Kyra Scheurer Slavoj Zizek ist in. Und verrückt offenbar auch. Beste Bedingungen für einen Popstar also. Denn das ist Zizek zweifelsfrei, auch wenn er dafür eigentlich nicht das nötige Aussehen mitbringt. Aber einen hohen IQ. Intelligenz? Ja, denn Zizek singt nicht für seinen Kultstatus, er denkt öffentlich. Oder doziert, monologisiert, persifliert. Denn der bärtige Slowene mit dem eindringlichen Blick ist Kulturkritiker, einige behaupten sogar, er sei Philosoph. Immerhin führen seine Ausführungen, Anekdoten und Paradoxa von Hegel zu Hitchcock und von Leichen über Lenin und Lynch zu Lacans Leerstellen.

Diesem oftmals als »Elvis der Kulturtheorie« titulierten »Enfant terrible« der akademischen Philosophie widmet Astra Taylor nun einen Dokumentarfilm. Nicht den ersten über Zizek übrigens, aber einen, der dem »Meister« diesmal wirklich nahkommen will. Und tatsächlich scheint es so: Zizek zuhause in Ljubljana, das bizarre Ordnungssystem seiner Wohnung erklärend, nackt und unermüdlich sendungsbewußt im Bett liegend und in Lieblingscafés Psychoanalyse und Populärkultur leidenschaftlich diskutierend. Zizek in alten Talkshowausschnitten bei seinem kurzen Ausflug in die slowenische Realpolitik, Zizek, der im misanthropen Gefasel von Autogrammwünschen unterbrochen wird, Zizek zu 1001 Gelegenheiten bei der weltweiten Performance vor Zuhörerscharen, die an philosophischem »Überbau« eigentlich kein Interesse haben, aber Zizeks Celebrity-Status huldigen und schließlich – Zizek mit einem kleinen Jungen. Na, wenn das keine Homestory ist! Zu einem guten Dokumentarfilm gehört aber auch bei aller Sympathie für den Protagonisten eine Sensibilität für dessen innere Brüche und das Stellen von Fragen, spätestens an das gedrehte Material im Montageprozeß. Tatsächlich aber läßt die Filmemacherin hier einen zugegeben streckenweise unterhaltsamen Selbstdarsteller fast die gesamte Filmlänge in unnachahmlichem Akzent und High-Speed-Sprachduktus atemlos in die Kamera diktieren, und man wird das Gefühl nicht los, daß sie den Posen eines rhetorisch gewandten Radical-Chic-Clowns auf den Leim geht. Da ein »Talking Head« alleine, auch wenn ein philosophisch geschulter, ein denkbar unfilmisches Sujet ist, sollen formale Kunstgriffe den Redefluß bändigen: eine Gliederung in Kapitel, deren Titel der Zizek von Hand notiert, das beständige Einfügen von Archivmaterial und sich verändernden Texttafeln. Doch das insgesamt eher aufgesetzt wirkende visuelle Konzept, das zudem passagenweise durch eine dem Protagonisten vergleichbar hyperaktive Montage geprägt wird, täuscht nicht über die Längen und Oberflächlichkeiten hinweg. Für Zizek-Fans allerdings bietet dieses Porträt einige schöne Einblicke und unterhaltsame Momente – filmische Qualitäten sind das aber nicht. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap