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Das Zimmer meines Sohnes

La stanza del figlio. I 2001. R,B,D: Nanni Moretti. B: Linda Ferri, Heidrun Schleef. K: Guiseppe Lanci. S: Esmeralda Calabria. M: Nicola Piovani. P: Sacher. D: Laura Morante, Jasmine Trinca, Guiseppe Sanfelice u.a.
99 Min. Prokino ab 22.11.01

Trauerbewältigung

Von Nikolaj Nikitin Nachdem der Italienier Roberto Benigni 1998 die Filmwelt mit einem Meisterwerk überraschte, das ihm keiner so richtig zutraute, gelang dies heuer Nanni Moretti. Auch ihm wurde in Cannes die Ehre einer Palme zuteil (er gewann gar die für den besten Film, während Benigni lediglich den großen Preis der Jury zugesprochen bekam), und auch er überzeugt mit einem Film, den man ihm nicht zugetraut hätte, dem leicht nervigen europäischen Pseudo-Woody-Allen aus Caro Diario, der in keinem seiner Werke auch nur annähernd an die Subtilität des Meisters ranreichte.

In beiden Fällen spielt Trauer und der Verlust der Unschuld, verursacht durch den Tod, eine zentrale Rolle, allerdings mit einem wesentlichen Unterschied.

Bei Benigni handelt es sich um die Trauer über den Tod von Millionen von Menschen, die dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallen sind, und bei Moretti steht ein einzelner, individueller Verlust im Vordergrund, der Tod seines Sohnes (während sich Benigni für das Überleben des Sohnes opfert). Benignis Film zeichnet die Stärke aus, daß er sich durch den Humor, durch die Inszenierung einer Groteske, von der Trauer über solch ein kollektives Unglück befreien kann und dadurch auch eine klare Position einnimmt – er findet einen Weg und bietet eine Lösung. Das Bezeichnende an Morettis Film ist, daß er keine wirkliche Lösung präsentiert, mit der individuellen Trauer umzugehen.

Moretti gibt den Vater einer glücklichen Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern. Sie leben in einer italienischen Kleinstadt, und er verdingt sich als Psychoanalytiker. Diese typische Sorte, die nie dem Patienten richtig zuhören, sondern sich lieber Gedanken über sich selber machen und irgendwelche Phantasiesituationen überlegen, mit denen sie den Patienten helfen könnten. Auch wenn er sich ansonsten vom Allenschen zum großen Teil verabschiedet hat, schimmern in dieser Figurenzeichnung Anleihen durch. Und plötzlich, nach einer langen Exposition, die diesen Namen gar nicht mehr verdient, geschieht das Schreckliche: Sohn Andrea kommt beim Tauchen ums Leben. Von da an hat der Horror von der Familie Besitz ergriffen. Jeder findet seine eigene Art, mit dem Vorfall umzugehen. Zwischenzeitlich entfremdet sich die Tochter und die Ehe scheint zu scheitern.

Ein Moretti ohne Humor und mit dem Plot eines Mittwoch-Abend-Fernsehfilms? Dennoch überzeugt Das Zimmer meines Sohnes als sensibles Porträt eines Mannes, der kaum in der Lage ist, mit dem Schmerz umzugehen und nicht weiß, wohin mit sich, unfähig, zum »normalen« Leben zurückzukehren. Moretti tat gut daran, sich selber im Verlauf des Films zurückzuhalten, nicht ständig im Vordergrund zu stehen und in mancher Schlüsselszene gar nicht aufzutauchen.

Handwerklich ist der Film sehr solide, auch wenn die Kameraarbeit von Guiseppe Lance nicht durch Originalität besticht, was bei der Thematik nicht unbedingt notwendig ist. Die Kamera ist weder aufdringlich noch überzogen, sondern recht schlicht gehalten, ebenso wie die gesamte Ausstattung.

Ein glückliches Händchen bewies Moretti zudem bei der Auswahl seiner Hauptrollen, die Etliches zur Dichte des Werkes beitragen. An seiner Seite agiert die charmante Laura Morante, die nicht nur eine hervorragende Schauspielerin ist, sondern auch eine der schönsten Frauen, die das europäische Kino momentan zu bieten hat. Ihr Schmerz wirkt authentisch – im Gegensatz zum Vater läßt sie ihren Emotionen freien Lauf – und erinnert in keiner Weise an das Klischeespiel einer Mutter aus einer Daily Soap, der das Kind gestorben ist.

Großes Lob verdient die Filmmusik von Nicola Piovani, die die Stimmung der jeweiligen Szenen nicht nur untermalt, sondern stetig vorantreibt. Piovani verantwortete auch die Musik bei La vita é bella – und so schließt sich der Kreis. 1970-01-01 01:00

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