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Die Zeit, die bleibt

Le temps qui reste. F 2005. R,B: François Ozon. K: Jeanne Lapoirie. S: Monica Coleman. M: Valentin Silvestrov. P: Fidélité. D: Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi, Daniel Duval u.a.
78 Min. Prokino ab 20.4.06

Chronik eines angekündigten Todes

Von Judith Bömer Jeder neue Film von François Ozon, dem Darling des französischen Gegenwartskinos, weckt naturgemäß hohe Erwartungen. Nach ambitionierten und zum Teil sehr erfolgreichen Projekten wie 8 femmes oder 5x2 liefert der Regisseur mit Die Zeit, die bleibt nach dem beeindruckend trockenen Melodram Sous le sable nun den zweiten Beitrag seiner geplanten Trilogie über Tod und Trauer. Im ersten Teil begegnet Marie dem Verlust des Ehepartners, der von einem Bad im Meer nicht mehr zurückkehrt, mit der Macht des Imaginären. Den Mittelteil des Triptychons bildet nun das Zurückgeworfensein der Hauptfigur auf sich selbst durch die Konfrontation mit dem eigenen Tod.

Romain, ein junger erfolgreicher Modefotograph in Paris, erfährt am Höhepunkt seiner Karriere, daß er nur noch wenige Monate zu leben hat. Eine Therapie mit minimalen Heilungschancen schlägt er aus, um die verbleibende Zeit in Würde und freier Selbstbestimmung erleben zu können.

Die Erschütterungen, die diese Nachricht auslöst, schlagen scheinbar nur kleine Wellen an der filmischen Oberfläche, so dramatisch undramatisch inszeniert Ozon die Konsequenzen: Romains Schicksal und sein Herz gehören ihm allein. Obgleich sein Umgang mit den Seinen ehrlicher und radikaler wird, er die Kleinbürgerlichkeit seiner Schwester bloßlegt, seinen Vater mit dessen vergangenen Affären konfrontiert und seinem Liebhaber den Laufpaß gibt, wird die tränenreiche Enthüllung letztlich vermieden. Einzig Romains Großmutter Laura und der Zuschauer teilen das Wissen um seinen Tod. »Du bist wie ich, du stirbst auch bald«, entgegnet Romain schlicht auf ihre Frage, warum sie zur Geheimnisträgerin auserkoren wurde. Jeder auf seine Art dem Tod sehr nahe, wird aus dem letzten Besuch ein intimer moribunder Schulterschluß.

Die formale und inhaltliche Nähe zum Auftaktfilm Sous le sable ist vor allem in der menschlichen Einsamkeit als Grundkonstante und den Gesten des Vermeidens und der Abwesenheit von sichtbarer Trauer spürbar: Hier wie dort gibt es keine schreienden Szenen, Marie verliert niemals die Fassung, Romain ist nur einmal laut verzweifelt. Ansonsten Flüstern und Distanziertheit, was sich im neuen Film im Akt des Fotographierens ausdrückt. Wenn Romain seine Schwester mit ihrem Kind an einem Sommernachmittag im Park nur wenige Meter entfernt heimlich fotographiert, will er die Vollkommenheit des Augenblicks und die Unversehrtheit der Erinnerung nicht zerstören, die eine unmittelbare Begegnung zwischen beiden unmöglich machen würde.

Dennoch liegt Ozons Film bei aller Diskretion ein klassisches Verständnis vom Melodram zugrunde. Ganz im Gegensatz zu seinem Vorbild Fassbinder, der seine Melodramen konsequent gegen die Konventionen des Genres inszenierte, fordert Ozon die psychologische Einfühlung des Zuschauers, will ihn emotional überwältigen. Dabei kommt Die Zeit, die bleibt rührend, aber ohne Larmoyanz daher, obgleich der Regisseur suggestive Bilder und den pastosen Auftrag nicht scheut, gar das Klischee bisweilen wohl kalkuliert. So arrangiert er Motive, die zum Teil aus dem eigenen Bilderfundus stammen: das unheilvolle Meer, der Strand, das Memento Mori der welkenden Rose, die ihm seine Großmutter beim Abschied schenkte oder das Bild der im Meer versinkenden Sonne, vor der Romain sich auf einem Strandlaken sein Totenbett errichtet. Und als Nebenstrang leistet Ozon sich die dramaturgische große Geste einer Selbstverwirklichung des Todgeweihten, wenn Romain einem fremden Ehepaar seinen Lebenssamen spendet.

Die Zeit, die bleibt besticht nicht so sehr durch originelle Bildfindungen oder strukturelle Raffinesse – Kunstgriffe, die sonst mit Ozons heterogenem Werk assoziiert werden. Vielleicht auch dem Thema geschuldet, hält er sich zurück, als habe er sich dem mahnenden Grundsatz verschrieben, daß filmische Mittel sich nicht zuletzt in den Dienst der Darsteller zu stellen haben. So trägt die außerordentliche Leinwandpräsenz von Melvil Poupaud, einem breiteren Publikum als Hauptdarsteller in Eric Rohmers Jahreszeiten-Film Conte d'été bekannt, jede Einstellung des Films. Das vom Zerfall gezeichnete körperliche Gebaren des hochgewachsenen schmalschultrigen Parisers, das Kamerafrau Jeanne Lapoirie in ein berückendes Licht taucht, zieht den Zuschauer unablässig in seinen Bann. Die langsame Schnittfolge läßt derweil den Bildern ihren Fluß und gibt dem Helden Raum für seine letzten Atemzüge. Hier schaut nicht einer wie Chabrol mit kühlem Forscherblick auf seine Figuren wie auf Insekten, hier wird man mitfühlender Zeuge eines stillen Abschieds. Und das ist das Entscheidende und Überzeugende an Die Zeit, die bleibt: der behutsame Umgang mit seinem Thema in Form einer zärtlichen Sterbebegleitung. 1970-01-01 01:00

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