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Zeit der trunkenen Pferde

Zamani baraye masti asbha. IR 2000. R,B,P: Bahman Ghobadi. K: Sa'ed Nikzat. S: Samad Tavazoi. M: Hossein Alizadeh. D: Mehdi Ekhtiardini, Rojin Yunesi, Ayub Ahmadi, Ameneh Ekhtiardini u.a.
79 Min. Kool ab 25.10.01
Von Thomas Warnecke Filme aus dem Iran begegnen uns ein wenig wie Kino der ersten Generation. Dabei beglücken uns Kiarostami und Co. schon seit einigen Jahren mit ihren traumhaft sicheren und einfachen Bildern. Doch immer wieder lösen ihre Filme und löst Zeit der trunkenen Pferde die Schockwirkung eines ersten Blicks aus, als richte zum ersten Mal ein Mensch das Kameraauge auf die Welt, die ihn umgibt. Es ist Bahman Ghobadis erster Langfilm, und es ist bestürzend, wie sicher er sich seiner Sache ist.

Die europäische Filmgeschichte bietet Beispiele dieser Wirkung eines scheinbar ersten Blicks, der italienische Neorealismus etwa verdankt seinen Erfolg zu einem großen Teil dem bewußten oder auch von der Not diktierten Verzicht auf zahlreiche Konventionen des Filmemachens und der Tatsache, daß er in seinen stärksten Momenten einen unverbildeten, vorurteilslosen Blick auf die Menschen und ihre Dinge warf.

Diese völlige Differenz zur vorhandenen Bildsprache, die Reduktion der Mittel und nicht zuletzt die Wucht des Zeigens wie des Gezeigten haben mich Zeit der trunkenen Pferde fassungslos erleben lassen und an eine Grenze geführt, dem Gesehenen mit Begriffen zu begegnen. Das liegt auch daran, daß sich die Bestandteile des Films sowohl auf der Bild- wie auf der Produktionsebene noch viel weniger als sonst voneinander isolieren lassen. Vielleicht, weil Zeit der trunkenen Pferde in seiner Vollkommenheit unantastbar erscheint, es noch zu früh und das Erleben noch zu stark ist, als daß ich ihm mit analytischer Erfahrung begegnen möchte oder auch nur könnte.

Die Dinge vor der Kamera scheinen mit ihr untrennbar zum Filmbild verschmolzen, und ohne daß eine bewußte Führung der Darsteller durch den Regisseur erkennbar wird, vermittelt jede Bewegung der Figuren den Eindruck von Richtigkeit und Echtheit. Dokumentarisch scheint für diesen von Lebenswirklichkeit ganz und gar durchdrungenen Film ein zu schwaches Wort. Auch rührt der gewaltige Eindruck eines solchen Films daher, daß er in seinem Verzicht auf jegliche technische Spielerei sich auf das Elementarste des filmischen Bildes konzentriert, auf Bewegung, und das vollendete Miteinander von Regie, Buch, Kamera und Darstellern der Bewegung ihre existentielle Dimension zurückgibt.

So ist der engste Verwandte Ghobadis im europäischen Kino möglicherweise Luis Buñuel, nicht der Surrealist des Chien andalou und des L'Age d'or, sondern der Dokumentarist von Las Hurdes, einem Film, der ebenfalls die Wirkung eines Kinos der ersten Generation entfaltet. Beide Filme verbinden eine eindeutige Topographie, ohne daß sie uns damit eine Verortung auf unserer Erfahrungslandkarte erlaubten, sowie die Gleichzeitigkeit von Gewalttätigkeit und poetischer Unschuld, das Spannungsfeld zwischen Archaik und Zivilisationsrudimenten. Und wie Buñuels Los Olvidados rückt Ghobadis Film die Kinder in den Mittelpunkt, ohne ein Kinderfilm zu sein oder den Blick angesichts autobiographischer Bezüge sentimental werden zu lassen. Allen drei Filmen gemein ist filmisch und soziologisch eine Geschichtslosigkeit, die aber Bezüge zur jeweiligen Entstehungszeit nie verbirgt. Deshalb werden Filme wie Zeit der trunkenen Pferde überall und zu jeder Zeit sehende Menschen schockieren und beglücken, faszinieren und verstummen lassen, weil ästhetisches Fassungsvermögen und moralische Gewißheit immer hinter ihnen zurückbleiben. 1970-01-01 01:00

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