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Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen

Ten Canoes. AUS 2006. R,B: Rolf de Heer. K: Ian Jones. S: Tania Nehme. P: Adelaide Film Festival, Fandango Australia u.a. D: Crusoe Kurddal, Jamie Gulpilil, Richard Birrinbirrin, Peter Djigirr u.a.
90 Min. Alamode Film ab 9.8.07

Wo die wilden Kerle wohnen

Von Martin Thomson Ein Film über Eingeborene kann zur Bewährungsprobe für Filmemacher werden, die sich für aufgeschlossene Weltenwanderer halten, denn ihre umsichtige Toleranz gegenüber anderen Kulturen schließt immer die Gefahr mit ein, sich allzu schnell in exotischer Verzückung über deren Andersartigkeit zu verlieren. Das Kino des weißen Mannes hat sich zwar größtenteils vom tumben Rassismus früherer Tage befreit, aber gleichsam hat es auch neue Vorurteile geschaffen, die aus der konsequenten Vermeidung eines differenzierten Umgangs mit ihnen herrühren und in esoterisch-motivierter Schönfärberei jeden Funken Skepsis im voraus auszuweichen versuchen.

Regisseur Rolf de Heer muß sich dieser Problemlage bewußt gewesen sein, denn sein auf den Filmfestspielen in Cannes 2006 mit dem Spezialpreis der Jury versehener Film über einen unverheirateten Aborigine, der sich in die jüngste Frau seines Bruders verliebt, gibt sich eher als Parabel und weniger als Analyse der Lebensweise der australischen Ureinwohner aus. De Heer verzichtet auf einen inszenatorischen Kommentar und konzentriert sich weitgehend auf die Fantastik der Sage, die hier dem Protagonisten zuteil wird. Wenn sein Film in die reale Ebene wechselt, weicht die knallbunte Erzählung, die der alte dem jungen Bruder zuteil kommen läßt, einem nüchternen Schwarzweiß, in der die Umgebung des ungleichen Paares wie den melancholischen Natur-Panoramen aus Jim Jarmuschs Dead Man entlehnt scheint.

So spielerisch sich de Heer im Umgang mit Perspektivwechseln in der Erzählung des alten Mannes zeigt, so statisch bleibt die Kamera von Ian Jones, wenn er in die erzählende Ebene springt; daraus entwickelt sich ein dokumentarischer Gestus, der sich an konventioneller Aufklärung nicht interessiert zeigt, sondern eine beinahe neutrale Perspektive zum Gezeigten einzunehmen versucht, die erst mit Hilfe der Erzählebene narrativ ausgestaltet wird. Indes setzen sich die fantastischen Elemente der Erzählung auf so erhebliche Weise von der realen Ebene ab, daß darüber nur in einer abstrakten oder gar spirituellen Weise Rückschlüsse auf die Kultur der australischen Ureinwohner gezogen werden können.

So sehr es de Heer gelingt, seine Erzählebenen über- und aufeinander zu schichten, so sehr drängt sich einem doch die Frage nach dem Sinn dieser strukturellen Experimentierfreudigkeit auf. Es geht hier weder, wie in Akira Kurosawas Rashomon, darum, daß Wahrheit hinsichtlich voneinander abweichender Betrachtungsweisen immer subjektiv bleibt, noch, wie in Tom Tykwers Lola rennt, um Geschwindigkeit und Schicksal. De Heer streut den optionalen Verlauf seiner verschiedenen Handlungsebenen mit einer Beiläufigkeit ein, die den erwähnten Filmen fremd ist. Wo Kurosawa und Tykwer ihr Meta-Spiel zum Mittelpunkt machen, da ist es bei de Heer nur ein Schlenker unter vielen. Im Prinzip geht es ihm weniger um Wahrheit, um Schicksal oder gar um die Kultur der hier dargestellten Ureinwohner, sondern um das Geschichtenerzählen an sich; die Fantasie und die Möglichkeiten der Verfremdung und Weiterstrickung, die es freisetzen und begrenzen kann.

Indessen ist das grundlegende Problem an Zehn Kanus, 150 Speere und drei Frauen, daß es ihm nicht gelingt, die Variation seiner Erzählstränge in ein Gleichgewicht zu bekommen, daß sich alle Teile stimmig ineinander fügen. Das liegt vor allem daran, daß er zwischen den Handlungsebenen Zusammenhänge sucht, die sich aus dem Gezeigten nicht ergeben wollen. Neben dieser strukturellen Problemlage wiegt die Tatsache schwer, daß de Heer in der Figurenzeichnung sehr schematisch bleibt. Das hat vermutlich mit dem Umstand zu tun, daß hier Laiendarsteller verpflichtet worden sind. In den schwarzweißen Passagen funktioniert diese gewagte Vorgehensweise, da hier die visuelle Gestaltung im Vordergrund steht, im farbigen Teil, wo die Gewichtung bei der Figurenzeichnung liegt, trägt sie jedoch dazu bei, die vorgestellten Charaktere nicht ernst genug nehmen zu können.

Problematisch ist vor allem, daß sich häufiger als gewünscht der unangenehme Effekt einstellt, es bei der vorgestellten Gruppe Eingeborener eher mit tumben Naturburschen als mit vielschichtigen Charakteren zu tun zu haben. Ein paar schöne Naturaufnahmen und ein Haufen lustiger Wilder können nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß sich ein Film solcher Art fast zwangsläufig in Klischees verlieren muß; ganz gleich, wie sehr er von ihnen abzulassen versucht. 1970-01-01 01:00
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