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Zatoichi – der blinde Samurai

J 2003. R,B,S: Takeshi Kitano. K: Katsumi Yanagishima. S: Yoshinori Oota. M: Kejichi Suzuki. P: Bandai Visual Co., Asahi u.a. D: Takeshi Kitano, Tadanobu Asano, Taka Gatarukanaru u.a.
116 Min. Concorde ab 24.6.04

Im Osten was Neues

Von Daniel Bickermann Das Ende einer weiteren Schaffensperiode Takeshi Kitanos, des derzeit international vielleicht vielseitigsten Regisseurs, kommt nicht mit einem Wimmern, sondern mit einem Knall. Die Anfangstitel werden mit einem schweren Krachen auf die Leinwand und über das Bild des Protagonisten gestampft, der blind und bewegungslos im Regen sitzt. Das Wimmern, immerhin, kommt kurz darauf, vielfach, wenn er von einer Gruppe Banditen gefunden wird und er ihnen mit seinem Schwert einige Organe umordnet.

Es ist ein Aufbruch für Kitano, der hier nicht nur seinen ersten Historienstoff verfilmt, sondern auch (erstmals seit seinem Debüt Violent Cop) an einer fremden Plotvorgabe arbeitet und zudem den Komponisten gewechselt hat – was im Kitano-Kosmos einer mittleren Revolution gleichkommt. Völlig ungewohnterweise kontrastieren nun nicht mehr Joe Hisaishis unschuldig-verspielte Harmonien mit den brutalen Schnitten und Bildern des Regisseurs, statt dessen liefert Kejichi Suzuki eine ebenso mitreißende wie stimmige Taktvorlage für Kitanos neues Epos, das wieder einmal aus gleichen Teilen tiefer Emotionalität und klaffender Gewalt zusammengenäht ist. Die frappierendste Neuerung allerdings liegt zweifellos in der Tatsache, daß der fatalistische Kulturpessimist Kitano sich tatsächlich dazu durchgerungen hat, ein Happy End zu drehen. Wer die abschließenden, lakonisch gefilmten Selbstmorde von praktisch allen bisherigen Kitano-Protagonisten gewohnt ist, wird von der Heiterkeit, die beim Stepptanzfinale von Zatoichi herrscht, geradezu schockiert sein und sich, wohl nicht zu Unrecht, fragen, inwieweit da ein Genre-Versatzstück zitiert und wohl auch parodiert wird.

Aber wer denkt, die zahlreichen Neuerungen würden Kitanos einmaligen Stil ins Wanken bringen, sieht sich, glücklicherweise, getäuscht. Sie alle werden zu kreativen Chancen, die Kitano mit souveräner inszenatorischer Routine in seine ganz eigene Stimmung einbindet. Insofern hat er bei seinem neuen Aufbruch eigentlich nur erneut, und etwas besser sogar, zu seinen eigenen Stärken gefunden. Wieder nimmt er sich der Verspotteten und Verstoßenen an, die schon immer sein großes Thema waren, wieder zeigt er mit rührender Wärme die Geborgenheit inmitten einer zusammengewürfelten Gruppe Einsamer. Ebenso geblieben sind Kitanos Vorliebe für kindisch-ausgelassene Komik und sein stummes und manchmal beinahe religiöses Verharren auf atemberaubend schönen Bildern. Und natürlich seine Ästhetik der Gewalt, wie sie hierzulande unmöglich wäre, eine furiose Melange aus Musical und abgesäbelten Körperteilen.

In seiner Heimat war Zatoichi der erfolgreichste Film des dort oft verkannten Kitano, und es ist leicht vorherzusehen, daß sich der Publikumsansturm im Westen wiederholen dürfte. Zum einen steht das Genre des Schwertfilms selbst in Hollywood in voller Blüte, und das Publikum wird dankbar die Chance annehmen, einen originellen Genrebeitrag zu bewundern, der nicht durch westliche Inszenierung ausgewaschen wurde wie beispielsweise Zwicks Last Samurai (erstaunt wird man dagegen feststellen, wie nahe sich Tarantino mit Kill Bill an der japanischen Pulp-Kultur entlangbewegt hat). Zum anderen ist der Samuraifilm mit seinen Plotvorgaben des einsamen, wortkargen Kämpfers, der in eine fremde Kleinstadt kommt und der unterdrückten Bevölkerung dort bei ihrer Rache an den verschiedenen Banden hilft, natürlich ein Spiegelbild der westlichsten aller Genres, des Western. Und hier wie dort sind die Genrekriterien weniger Pflicht als vielmehr Spielball der erstarkten Regisseure, die sie variieren, hinterfragen und neu zusammensetzen. So gleicht das Aufeinandertreffen der beiden Meister in seinem langsamen Vorspiel und seiner grandios prägnanten Durchführung einem klassischen Shootout.

Doch Kitano hat auch eine Art Spät-Eastern geschaffen, in dem die Helden müde und gebrochen sind: Der eine muß für Geld kämpfen und hat eine todkranke Frau zu Hause sitzen, der andere hat außer dem Töten kein Leben, als Rollenvorbild taugt keiner der beiden. Und ebenso wie die zerbröckelnden Moralvorstellungen, signalisiert von löchrigen Requisiten und zerfallenden Bauten, sind auch die Geschlechterbilder obsolet geworden: Die Männer und Frauen, die hier die ihnen zugeordneten Rollen und Kleider tauschen, sind keine lächerlichen Tölpel, sondern ebenfalls nur gebrochene Geschöpfe, die einen eigenen Weg zurück ins Leben suchen.

Zatoichi hackt alle Erwartungen ans Genre in kleine Stückchen, ordnet sie neu an und malt daraus mit viel Blut ein faszinierendes Bild, das er dann mit einem Krachen auf die Leinwand stampft. 1970-01-01 01:00
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