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Yi Yi

Taiwan/J 2000. R,B: Edward Yang. K: Yang Weihan. S: Chen Bowen. M: Peng Kaili. P: Atom, Pony Canyon. D: Wu Nien-jen, Issey Ogata, Elaine Jin u.a.
173 Min. Pegasos ab 14.6.01

Familienbande

Von Andreas Ungerböck Der taiwanesische Regisseur Edward Yang gilt mit Recht neben Hou Hsiao-hsien als der bedeutendste Filmemacher der Insel und darüber hinaus als führender Vertreter eines internationalen Kinos, das – von Zeitströmungen und Moden völlig unabhängig – universell gültige Momentaufnahmen des modernen Lebens erstellt. Wieder nachdrücklich in Erinnerung brachte sich Edward Yang mit Yi Yi letztes Jahr in Cannes und erhielt für das knapp dreistündige Opus verdientermaßen den Preis als bester Regisseur.

In Yi Yi legt Yang das Geflecht einer Familie in Taipeh am Ende des 20. Jahrhunderts bloß: Zentrale Figur ist NJ, Manager einer Computerfirma, dessen scheinbar intaktes Leben binnen weniger Wochen völlig aus den Fugen gerät: Die Firma ist in Turbulenzen, seine Schwiegermutter schwer erkrankt, und zu alledem trifft NJ seine Jugendliebe Sherry wieder, die er vor zwanzig Jahren verlassen, aber nie vergessen hat. Yi Yi ist ein scheinbar mit leichter Hand hingeworfenes Filmgemälde, dabei aber von einer unglaublichen Tiefsinnigkeit und Ernsthaftigkeit; mit einem Reichtum an Figurencharakterisierungen, der seinesgleichen sucht. Die vielfältigen und komplexen Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern, aber auch zu Außenstehenden, sind mit äußerster Sorgfalt entworfen und weisen eine Schlüssigkeit auf, die man nicht leicht in einem Film der letzten Jahre findet.

Viele essentielle Fragen werden angerissen, andere vertieft: So ist etwa die schwierige Beziehung der Familie zur kranken Großmutter ein Hinweis auf die Brüchigkeit der traditionellen chinesischen Großfamilie, für Yang, wie er immer wieder betont, kein Zeichen der Verwestlichung, sondern der in Asien mit rasender Geschwindigkeit um sich greifenden Urbanisierung. Daß NJ sich gerade einem Japaner anvertraut, ist – so Yang – zu allererst das Symptom des weit klaffenden Abgrunds zwischen einer urbanisierten asiatischen Gesellschaft und deren ruraler »anderen Hälfte«: Ein Businessman in Tokyo, so Yang, sei einem Bewohner Taipehs mittlerweile näher als die eigene Landbevölkerung.

Der Haupterzählstrang in Yi Yi mündet schließlich in die komplexe Frage, ob man im Leben eine zweite Chance erhält. NJ versucht dies während einer heimlichen Reise nach Japan zu ergründen, bei der er wieder mit Sherry zusammen ist. Die Szenen in Atami, einem heute fast vergessenen Badeort, der in den späten 60er und frühen 70er Jahren boomte, sind von einer betörend bittersüßen Melancholie. Die Antwort überläßt Yang letztlich den Zuschauern. Er ist davon überzeugt, ein guter Filmemacher könne die Menschen nur auf Fragen stoßen, sie aber nicht beantworten. Dafür hat er eine ebenso schlüssige wie schöne Metapher gefunden: Yang-Yang (!), NJs kleiner Sohn, fotographiert am liebsten die Hinterköpfe anderer Leute, weil das das einzige sei, »was wir selbst nicht sehen können«. Den Menschen zu zeigen, was sie selbst nicht sehen können: Das, so Yang, ist Aufgabe des Künstlers. Mit Yi Yi ist ihm das in mehrfacher Hinsicht meisterlich gelungen. 1970-01-01 01:00

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