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Xiaos Weg

He ni zaiyqi. VRC/ROC 2002. R,B,D: Chen Kaige. B: Xue Xia Lu. K: Kim Hyung-koo. S: Zhou Ying. M: Zhao Lin. P: China Film Group u.a. D: Tang Ru-yun, Liu Peiqi, Chen Hong, Wang Zhiwen, Cheng Qian u.a.
117 Min. Tobis ab 17.7.03

Violinen bevorzugt

Von Jutta Klocke Gleich einer nackten Frau wird die Violine während der Eingangscredits in Szene gesetzt. Die Kamera folgt ihren Rundungen, fokussiert einzelne Teile des unnahbaren Körpers. Eine schwelgerische Einleitung, die eine Liebeserklärung an das Instrument als den eigentlichen Protagonisten erwarten läßt und damit François Girards Le violon rouge in Erinnerung ruft. Ihre Bedeutung erhält die Geige des 13jährigen Xiaochun aber nicht auf inhaltlicher Ebene, sondern als bindendes Objekt, das die Handlung als eine Art MacGuffin zusammenhält und vorantreibt. Xiaos Talent hätte, anders als etwa das eines Billy Elliot, auch in der Malerei oder Schauspielerei liegen können, ohne die eigentliche Geschichte zu gefährden. Gefehlt hätte dann freilich die Rechtfertigung für die dominierende klassische Musikuntermalung, die dem Film seine melancholische und am Ende allzu sehr in Rührseligkeit verfallende Stimmung verleiht.

Xiaos Violine, seine Begabung, wird schon zu Beginn zum Handlungsauslöser, indem sie ihn und seinen Vater Liu überhaupt erst aus der Provinz ins schillernd-moderne Peking führt. Sie dient aber vor allem der Vermittlung zwischen den Figuren. Xiaos Spiel verhilft ihm in der Stadt sowohl zum Unterricht bei dem kauzigen Professor Jiang als auch zu der Freundschaft mit dem Callgirl Lili. Und so wie das Instrument beinahe den ehrgeizigen Vater und den des Geigens überdrüssigen Sohn entzweit, so wird es später wieder zum Mittel der Versöhnung.

Konsequenterweise verweigert Regisseur und Koautor Chen Kaige jeglichen äußeren Einflüssen den direkten Zugriff auf die Handlung. Zufallsbedingte Faktoren wie der Diebstahl von Lius Ersparnissen haben kaum weitreichende Konsequenzen. Alle Entwicklungen, alle Konflikte und Beziehungen finden ihren Ausgangspunkt allein in der Figur des jungen Virtuosen. Damit wird der Großstadt zwar ihr ansonsten gern zugeordneter Status einer übergeordneten, das Individuum bestimmenden Größe entzogen. Statt dessen teilt Kaige ihr aber die nicht minder wichtige Rolle einer überdimensionalen pädagogischen Lehranstalt zu, die den Figuren die Lektion aufgibt, ihren Verlockungen von Erfolg und materiellen Gütern zu widerstehen und vielmehr nach den eigentlich wichtigen Werten des Lebens zu streben.

Kaige geht es also nicht um die bestimmte Kunst der klassischen Musik. Das wird schon allein daran deutlich, daß in den Unterrichtsstunden kaum über das Violinspiel selbst gefachsimpelt wird. Im Grunde geht es ihm nicht einmal um die Kunst an sich, sondern ganz einfach um die Frage, was man aus einer besonderen Gabe macht und welche Prioritäten im Leben man wählt. Das hört sich reichlich pädagogisch an, und Kaige mag wohl auch ein wenig übers Ziel hinausgeschossen sein, denn seine Überambitioniertheit läßt alle Elemente des Films – von den einfühlsamen Bildern über die recht plakative Ausgestaltung der Charaktere bis zu den liebevollst hergerichteten Schauplätzen – allzu arrangiert erscheinen. Die Figuren vermögen diesen inszenatorischen Makel aber trotz ihrer zu starren Einteilung in Kategorien wie »gut«, »böse« oder »harte Schale, weicher Kern« durch ihren starken Sympathiewert auszugleichen. Das Grundbedürfnis nach Harmonie in solch schnellebigen und anonymen Zeiten verleitet uns letztendlich eben doch dazu, dem Hang des Regisseurs zum Sentimentalen nachzugeben – und sei es nur für die Dauer des Kinobesuches. Beim anschließenden Kneipenplausch kann man sich noch früh genug über den zum Ende hin gesteigerten Pathos mokieren. Im Kinosessel aber ist man schließlich manipulierbar genug, ihn zu akzeptieren im Dienste der tröstlichen Botschaft, daß der Weg des »Miteinander« die richtig gewählte Priorität ist. Passenderweise wurde der Film international denn auch nach diesem höchsten Prinzip betitelt. 1970-01-01 01:00

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