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X-Men: Der letzte Widerstand

X-Men: The Last Stand. USA 2006. R: Brett Ratner. B: Zak Penn, Simon Kinberg u.a. K: Dante Spinotti. S: Mark Helfrich, Mark Goldblatt, Julia Wong. M: John Powell. P: 20th Century Fox, The Donners Comp., Marvel Enterpr. D: Hugh Jackman, Ian McKellen, Famke Janssen, Patrick Stewart u.a.
104 Min. Fox ab 25.5.06

Popcorn und Spiele

Von Mary Keiser Für alle, die am liebsten im Bohème-Café bei einem Glas Rotwein über Godard- und Truffautfilme sinnieren und sich schon immer fragten, was aufgeklärte Menschen zum Konsumieren von Filmen wie X-Men bringen mag, hier eine kleine Einführung in die Welt plebejischen Popcorn-Kinos.

Warum wir uns X-Men-Filme angucken: Wegen der unkonventionellen filmischen Stilmittel? Sicher nicht. Weil wir revolutionäre Gesellschaftskritik erwarten? Ach was. Handlungsstringenz? Nicht zwingend. Spezialeffekte? Mindestens. Eine gute Show? Bingo! Brot und Spiele!

Warum wir bei X-Men – The Last Stand vor Angst in unseren Kinosesseln erstarren: Die Welt, in der alles möglich ist, unser Land hinter den Spiegeln, unsere Insel der Zuflucht, wird bedroht! In einer Forschungsstation auf Alcatraz haben Wissenschaftler ein »Heilmittel« gegen das X-Gen entwickelt, das unsere mutierten Superhelden zu schnöden, im wahrsten Sinne des Wortes farblosen Normalos degradiert. Wir müssen miterleben, wie die furchteinflößende, aber faszinierende Mystique mit einem Schlag ihrer Kräfte beraubt wird und wir ebenso wie ihr Herr und Meister Magneto sofort jegliches Interesse an ihr verlieren. X-Men – The Last Stand zeigt uns den Kampf der Traumfabrik Hollywood gegen den Alltag. Der Mutant Leech, Quelle des Heilmittels, nimmt unsere Position ein, sein staunender Blick auf die supranormalen Darbietungen vom Rahmen des Stationsfensters ist ebenso begrenzt wie unserer durch den Ausschnitt der Kamera und will genauso wenig wie wir das Ende der Andersartigen.

Warum wir gerade die X-Men lieben: Entgegen des üblichen Gut-Böse-Antagonismus steht wie in der Comicvorlage statt des Ziels der Weg im Vordergrund: Anerkennung durch Integration oder durch Machtübernahme? Dadurch ergibt sich die wesentlich interessantere Figurenkonstellation der beiden großen alten Männer, Vordenker und Visionäre, die einst freundschaftlich verbunden nun auf verschiedenen Seiten stehen. Das Aus-den-Angeln-Reißen und Versetzen der Golden Gate Bridge ans Ufer von Alcatraz, statt wie Good Old Clint Eastwood alias Frank Morris die Strecke schwimmend zurückzulegen, soll als Bild des puren Machtmißbrauchs verdeutlichen, daß Magneto sich wie seinerzeit Malcolm X auf dem Holzweg befindet. Die treueste Anhängerin der »Mutant Power« verweigert ihren »Slave Name« als politische Distanzierung zur dominanten Bevölkerungsgruppe und nennt sich »Mystique«. Die X-Filme beleben die Comicvorlage, seinerzeit beseelt von den Ereignissen der Bürgerrechtsbewegung, ohne etwas Neues hinzuzufügen. Wie in den 60er Jahren gewährt der weiße Blick lediglich dem pazifistischen Weltverbesserer Eintritt in die Hall of Fame. Wie Martin Luther King wird Professor Xavier zum Märtyrer, sein Tod ein Königsmord, der die gesamte Bewegung orientierungslos zurückläßt. Entsprechend räumt der Film auch allenfalls mit längst überholten 50er Jahre Vorurteilen auf. Daß schwarze Hautfarbe und Homosexualität keine Krankheiten sind, weiß mittlerweile jeder Cowboy (siehe Brokeback Mountain). Wer hier jedoch mehr erwartet, leidet an akutem Realitätsverlust.

Da wir also dazu stehen, mit halbgarer Sozialkritik und dem Fehlen logischer Verknüpfungen vollends zufrieden zu sein, warum müssen wir uns dennoch für unseren Spaß an X-Men – The Last Stand rechtfertigen? Weil X-Fans automatisch zur berechenbaren Zielgruppe der Nerds gehören, die sich leicht mit den zahlreichen intertextuellen Verweisen auf ihre Lieblingsfilme beeindrucken lassen: Jean ist die Verkörperung der Elfenkönigin Galadriel aus The Lord of the Rings – The Fellowship of the Ring, wenn Frodo ihr den Ring doch gegeben hätte, »…a Queen, not dark, but beautiful and terrible as the Dawn. Treacherous as the sea! Stranger than the foundations of the earth… all shall love me and despair!« Und Patrick Stewart ist nicht nur geistiger Führer der X-Men, sondern als Captain Picard immer auch unserer gewesen, während wir mit der Star Trek – The Next Generation-Crew zahlreiche Abenteuer durchstanden; es ist, als stürbe unser aller Übervater.

Zusammenfassend gesagt, ist der Film so ziemlich genau das Stück an guter hegemonialer Unterhaltung, für das wir im Colosseum freudestrahlend bezahlen, um wieder an das Gute in der Welt zu glauben und uns nicht gegen die Herrschenden zu erheben. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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