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Die Wutprobe

Anger Management. USA 2003. R: Peter Segal. B: David Dorfman. K: Donald M. McAlpine. S: Jeff Gourson. M: Teddy Castellucci. P: Happy Madison. D: Adam Sandler, Jack Nicholson, Marisa Tomei, Allen Covert u.a.
105 Min. Columbia TriStar ab 8.5.03

Der lustige Amerikaner

Von Dietrich Brüggemann Verklemmtheit, Sauberkeit, Pedanterie und die Unfähigkeit, an irgend etwas Spaß zu haben: Das ist alles so wahnsinnig deutsch. Und daß »deutsch« hier ein Schimpfwort bedeutet, wurde oft genug festgestellt und diskutiert. Das einzige National-Adjektiv, das wir mittlerweile noch pejorativ gebrauchen, ist unser eigenes.

Das einzige? Nein. Fast vergessen, doch einst beliebt und vielleicht bald wieder in Mode: amerikanisch. Tränentreibende Schmalzkaskaden, schluchzend vorgetäuschte Emotion, strammstehende Helden, geliftetes Dauergrinsen, zahnpastastrahlende Kinder, »oh my god, there's so much love in this house«. Alles entsetzlich amerikanisch und damit neben Kaugummi, Sesamstraße und Rockmusik von einer kulturell besorgten Elterngeneration verachtet und geächtet. Doch während dieser konservative Antiamerikanismus allmählich ins Seniorenheim wanderte, änderten sich gleichzeitig die amerikanischen Filme. Sie wurden distanzierter, ironischer, europäischer. Selbst Independence Day war doch irgendwo saukomisch.

Um nun aber endlich zum Thema zu kommen: Wenn eine kulturelle Entwicklung sich mit den Jahren so weit herumgesprochen hat, daß man sie als bis zum Gähnen bekannt voraussetzen darf, dann ist sie wahrscheinlich vorbei. Amerika wird wieder amerikanisch. Und Die Wutprobe zeigt uns, wie das geht.

Adam Sandler spielt einen Amerikaner. Er läßt sich von seinem Chef tyrannisieren, er ist still und in sich gekehrt, kann seine Gefühle nicht zeigen. Nicht mal seiner Freundin gibt er am Flughafen einen Kuß. Eigentlich ist er also gar kein echter Amerikaner, sondern eher ziemlich deutsch.

Dann tritt Jack Nicholson in sein Leben, hier (anders als noch kürzlich in About Schmidt) wieder unter Einsatz seines weltweit einzigartigen Grinsens. Er benimmt sich ausgesprochen amerikanisch im Sinne des Schimpfwortes, nimmt nämlich keinerlei Rücksicht auf seine Mitmenschen, macht sich breit und lacht viel zu laut. Die nächste Szene hat man im Trailer vermutlich schon gesehen: Sandler wird in einen absurden Streit mit einer Stewardess gezogen und schlußendlich vor Gericht zu »Anger Management Therapy« verdonnert. Und der Mann, der ihm gegen die Aggressionen helfen soll, ist natürlich kein anderer als Jack Nicholson, der in diesem Film mit Fusselbart und Haarausfall aussieht wie ein lebensfroher Orang Utan.

Sandlers Figur, der europäisierte zahme Amerikaner, muß ab da miterleben, wie der Terror in sein Leben einbricht. Nicholson stellt alles auf den Kopf und verkörpert dabei ein astrein amerikanisches Ausmaß an Unkultur, Dekadenz und Barbarei, über das unsere Großeltern sich sehr gefreut hätten. Sandler läßt es zunächst über sich ergehen, doch bald kommt der Moment, in dem er genug hat und zurückschlägt. Er entdeckt einige amerikanischen Tugenden in sich selbst und beginnt den Krieg gegen den Terror, Mann gegen Mann.

Nicholsons Rolle pendelt schön gleichmäßig zwischen Mentor und Nemesis, während Sandler der Reihe nach seine Gesangsstimme entdeckt, seinem Chef den Mittelfinger zeigt und seinem Kindheitstrauma die Fresse poliert. So verwandelt unser Held sich nach und nach von einem verkappten Deutschen in einen guten Amerikaner, der weiß, was er will und es sich notfalls selbst holt, offenherzig und unwiderstehlich.

Die Wutprobe ist dabei über weite Strecken ausgesprochen lustig und bei aller Überspitzung recht glaubwürdig, dazu virtuos gespielt, perfekt getimt, hintersinnig und doch direkt inszeniert, also im besten Sinne amerikanisch.

Erst am Ende nimmt der ganze Film die gleiche Entwicklung wie die Hauptfigur und wird wirklich wahnsinnig amerikanisch – und letzteres leider als Schimpfwort. Lustig ist es dann auch fast gar nicht mehr, nur noch so lustig, wie ein Heiratsantrag im vollbesetzten Footballstadion halt ist.

Wie, jetzt habe ich das Ende verraten? Macht nichts, der Verleih tut das gleiche und veranstaltet eine sehr schöne Promo-Aktion, bei der Leser bzw. Zuschauer einander in vollbesetzten Stadion Heiratsanträge machen sollen.

Privatleben als Show: Finden Sie das nicht auch ziemlich amerikanisch? Ja? Man muß seinen Heiratsantrag nicht unbedingt in die Promotionkampagne eines amerikanischen Films einklinken, meinen Sie? Das sollten Sie dann aber ruhig mal etwas lockerer sehen, nicht so deutsch.

Am Ende des Films spielen übrigens tatsächlich die »Yankees« gegen die »Red Sox«. Der Ausgang der Partie kommt im Film nicht mehr vor, aber das Stadion gehört den Yankees, die haben also Heimvorteil und werden den Sieg wahrscheinlich davontragen.

Yankee go home. And take me with you. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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