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Das Wunder von Bern

D 2003. R,B: Sönke Wortmann. B: Rochus Hahn. K: Tom Fährmann. S: Ueli Christen. M: Marcel Barsotti. P: Little Shark, Senator. D: Louis Klamroth, Peter Lohmeyer, Lucas Gregorowicz, Katharina Wackernagel, Sascha Göpel u.a.
117 Min. Senator ab 16.10.03

Messias Fußball

Von Oliver Baumgarten An der Schwelle zu den 50ern – zwei deutsche Staaten waren gegründet – wurde man in Deutschland wieder mutiger. Es begann die Verklärung, aus Tätern wurden Opfer, neue Helden wurden gebraucht: Die Kriegsheimkehrer aus Rußland wurden wie Heilsbringer bejubelt, man stellte Kerzen für sie ins Fenster, Witwen begingen den »Tag der Treue«, man belegte sie mit patriarchalischem Pathos. Als um 1954 immer weniger Soldaten heimkehrten, eine Million weniger als erhofft, verlor sich ihr Stellenwert. Einen irgendwie ins Konkrete interpretierbaren Erfolg, so zeigten die Probleme ihrer Resozialisierung, bot die Heimkehr der Männer nicht. Ein 3:2 gegen Ungarn hingegen schon und das Wirtschaftswunder sowieso.

Ein Kaleidoskop der 50er Jahre ist Sönke Wortmanns Film geworden, das Teilporträt eines Jahrzehnts, das als muffig, spießig und politisch unbequem geltend im deutschen Kino der letzten Jahre kaum eine Rolle spielte. Stellvertretend für die zentral diskutierte Frage nach fehlender Orientierung im Lande steht in Das Wunder von Bern die Ruhrgebietsfamilie Lubanski: Mutter, zwei Söhne, eine Tochter und ein kürzlich aus russischer Gefangenschaft heimgekehrter Vater. Matthias, der Jüngste, hat während der Abwesenheit des Vaters in Helmut Rahn, dem er die Fußballklamotten zum Training tragen darf, ein Idol gefunden. Rahn ist ihm zu einer unbelasteten Vaterfigur geworden, die ihm abseits hausgemachten Ärgers Bestätigung verschafft. Doch Richard, der eigentliche Vater, kommt zurück, verhält sich zuhöchst suspekt und beschneidet Matthias' Eigenständigkeit. Am Ende raufen sie sich zusammen und fahren zum Endspiel nach Bern. Rahn erlöst mit seinen Toren die deutsche Fußballnation, und der Fußball erlöst Richard und Matthias.

Nun hätten beide Stränge für sich – Familie Lubanski und der Weg der Mannschaft zum WM-Titel – durchaus das Potential, einen eigenen Film zu füllen. Doch es ist nicht irgendeine Geschichte, die Wortmann und Rochus Hahn parallel zu der der Weltmeister-Elf erzählen, sondern letztlich der Versuch, einen Aspekt psychologischer Disposition im Deutschland der 50er Jahre zu illustrieren. Und lassen die Autoren auch stellenweise die kritische Distanz zum Erzählten vermissen, so ist das Ergebnis der gewählten Parallelität ob seines Ansatzes trotzdem bemerkenswert.

Die implizite These findet in der Inszenierung satte Unterstützung. Einem Epos gleich wird auf ästhetischer Ebene mit breiten Helden- und Erlösungsbildern gearbeitet, die, unterstützt von großzügigem Score, dickes Kino produzieren. Kameramann Tom Fährmann darf in nostalgischer Kohlenpott-Ausstattung schwelgen und bei einigen Fußballszenen sogar die von Kommentatoren stets so griffig als »Super-Zeitlupe« titulierte Sportkameratechnik zur Anwendung bringen. Peter Lohmeyer schließlich fasziniert mit seiner durch Stimmungswechsel nuanciert gespielten Unsicherheit als zentraler Vertreter der gebrochenen Vatergeneration.

Ein Ereignis wie der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1954, das seinerzeit in Deutschland fast Hysterie auslöste und bis heute über Figuren wie Helmut Rahn oder Fritz Walter begeistert, braucht in seiner Fiktionalisierung wohl eine genau solche filmische Dimension, wie sie Sönke Wortmann mit dem »Wunder von Bern« eindrucksvoll gelang. Der WM-Titel 1954 bedeutete eben doch weit mehr als nur den Gewinn eines Pokals. Für Westdeutschland war es eine Befreiung. Und wenn Vater Lubanski in einem unbeobachtet geglaubten Moment lächelnd den Ball seines Sohnes per gekonntem Fallrückzieher in das mit Revierstaub überzogene Tor drischt, dann finden die filmischen Elemente und allegorischen Motive in einem Pathos zusammen, das in Deutschland bis heute wohl nur in Zusammenhang mit Fußball denkbar ist. 1970-01-01 01:00

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