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Workingman's Death

A/D 2005. R,B: Michael Glawogger. K: Wolfgang Thaler. S: Monika Willi, Ilse Buchelt. M: John Zorn. P: Lotus Film, Quinte Film.
122 Min. Real Fiction ab 27.4.06

Hartes Arbeitslos

Von Oliver Baumgarten 38-Stunden-Woche, Maschinen, Roboter, Computer: Die echte Maloche ist in der Industriegesellschaft praktisch ausgestorben. Die Umstände der körperlichen Arbeit, die zu verrichten noch geblieben ist, haben sich extrem vergünstigt – freilich nicht allein, um den Menschen zu schonen und so sein Recht auf Freizeit nicht mit Rückenschmerzen einzuschränken. Nein, die körperliche Arbeit schwindet, weil der Ertrag durch von Maschinen verrichteter Arbeit so viel höher ausfällt. Und so kommt's, daß die Wirtschaft wächst und wächst, während die Zahl der Arbeitenden sinkt und sinkt. Doch entgegen des Filmtitels: Das ist es gar nicht, was Michael Glawogger wirklich interessiert. Das Verschwinden von Arbeit und damit auch schleichend von der Arbeiterklasse in der westlichen Welt wird bei ihm nur am Rande als Reflex thematisiert.

Tatsächlich konfrontiert Glawogger den Zuschauer in seinen »Fünf Bildern« wie er es nennt, mit der enormen Wahrnehmungskluft zwischen dem Bild, das wir mit Arbeit assoziieren und jenem Bild, das sich in ärmeren Ländern zum Thema Arbeit bietet. Schwarzabbau von Kohle in einem offiziell stillgelegten ukrainischen Bergwerk, Schwefelabbau in Indonesien, ein Schlachthaus in Nigeria: Unter den hier gezeigten Umständen würde heute kein Westeuropäer auch nur einen Tag durchstehen, und allein dieser Rückschluß verweist auf Glawoggers These vom Workingman's Death in der westlichen Welt. Eine Feststellung, die er in seinem Epilog etwas unnötig deutlich zu pervertieren versucht, indem er die Industriedenkmäler des Ruhrgebiets als Gipfel formuliert: Ehemalige Orte der Maloche werden heute zu Orten der Zerstreuung und Entspannung. An illustrierten Ausrufezeichen hinter seinen Thesen hat es Glawogger aber ja noch nie gemangelt, so etwa auch die Nigeria-Episode, deren Widerwärtigkeit hier eigentlich bloßer Selbstzweck bleibt. Schlicht grandios aber sind die Bildkompositionen Wolfgang Thalers und ihre Korrespondenz mit dem fantastischen Soundtrack des Ambient-Jazzers John Zorn. Und so bleibt Workingman's Death eines der wenigen und sehr gelungenen Beispiele streitbaren politischen Dokumentationskinos mit ästhetisch hohem Anspruch. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #42.

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