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Die Wolke

D 2006. R: Gregor Schnitzler. B: Marco Kreuzpaintner. K: Michael Mieke. S: Alexander Dittner. M: Dirk Reichardt, Stefan Hansen, Max Berghaus. P: Clasart. D: Paula Kalenberg, Franz Dinda, Hans-Laurin Beyerling, Tom Wlaschiha u.a.
102 Min. Concorde ab 16.3.06

Strahlende Liebe

Von Judith Bömer Schon lange nicht mehr war das Klima für politische Filme so günstig wie jetzt. Und in Zeiten, in denen atomare Drohgebärden wieder in Mode kommen, hat sich Gregor Schnitzler entschieden, Gudrun Pausewangs 80er Jahre-Schulpflichtlektüre und Bestseller Die Wolke zu adaptieren. Die Tschernobyl-Katastrophe jährt sich im April zum 20. Mal, und die einst lautstarken Proteste der Anti-Atomkraftbewegung sind mit den Jahren weitgehend verstummt. Da kommt ein Film über die möglichen Folgen eines atomaren Super-GAUs angesichts der gegenwärtigen Diskussion über die Verlängerung der AKW-Laufzeiten genau zum richtigen Zeitpunkt, um die junge Generation der Yello-Strom-Ära zu sensibilisieren.

Allerdings entkleidet Schnitzler die hochdidaktische Buchvorlage von der Familiengeschichte und trivialisiert den Stoff damit, indem er die bedingungslose Liebe zweier junger Heranwachsender in den Mittelpunkt rückt. So nimmt er der Katastrophe den bitteren Endzeitgeschmack und macht den Film konsumierbar für das anvisierte Publikum. Fast ein Drittel seiner Länge nimmt sich der Film Zeit, um den Mikrokosmos der Protagonisten Hannah und Elmar zu zeigen: das langsame Annähern im Klassenraum, pubertärer Streß mit Eltern und Lehrern, ein geplatzter Partyabend, Matheklausuren – die normalen Nöte von Teenagern eben.

Jäh werden sie aus dieser harmlosen Welt gerissen, als es im 100 Kilometer entfernten Kernkraftwerk zu einem fatalen Störfall kommt: Eine radioaktive Wolke entweicht und treibt unaufhaltsam auf das osthessische Städtchen Schlitz zu. Katastrophenalarm, Chaos und Panik beherrschen von nun an das Szenario. Die Katastrophenvision gelingt in den Szenen am besten, in denen man ein Gefühl für ihren Ort bekommt: den verwaisten Fuldaer Marktplatz mit Fachwerkhäusern, der nur noch von fliehenden Kühen bevölkert ist; den übervollen Bad Hersfelder Bahnhof, der zum Nadelöhr der Rettung gerät; oder später den Hamburger Rathausplatz, der sich in ein riesiges Lazarett verwandelt. Gelungen ist auch die drastische Zeichnung menschlicher Hysterie und Verrohung, wenn Hannah etwa mit ihrem kleinen toten Bruder auf dem Arm die Straße blockiert und vom Autokonvoi gnadenlos weggehupt wird. Dennoch schießt Schnitzler leider zu oft über das Ziel hinaus. Der todbringende Fallout beispielsweise, dem sich Hannah allein auf dem Bahnhofsvorplatz inmitten eines Koffermeeres ergibt, wird einer Apotheose gleich inszeniert – als rühre die Katastrophe nicht von Menschenhand, sondern sei metaphysischer Natur. Hier verkehrt sich die originäre Anklage der Buchvorlage total.

Immer wieder kontrastiert der Regisseur romantische Gefühlswelten des jungen Paares mit dem Horror, der es umgibt. Selbst dem Alltag von Krankheit und Siechtum, ja den unwirtlichen Orten von Krankensälen entlocken die beiden Momente der Lebendigkeit und Lebensenergie. Ein Tanz auf der Intensivstation oder verliebtes Versteckspielen: Richtiges Leben gibt es hier nur im Falschen. In dieser Poetisierung des Augenblicks versteigt sich Schnitzler zu einem reichlich euphemistischen Happy End: gemeinsam fahren Hannah und Elmar in einem alten Boliden durchs verseuchte Land, und als Hannah Wind im neuen Haarflaum spürt, dämmert die Zukunft am Horizont. Ein offenes, weniger beschönigendes Ende wäre auch einem jungen Publikum zumutbar gewesen. 1970-01-01 01:00
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