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Wolfzeit

D/F/A 2003. R,B: Michael Haneke. K: Jürgen Jürges. S: Monika Willi, Nadine Muse. P: Bavaria, Wega Film. D: Isabelle Huppert, Maurice Benichou, Lucas Biscombe, Patrice Chéreau u.a.
123 Min. Ventura ab 01.01.04

Arg ist die Welt…

Von Tamara Danicic Arg ist die Welt / Ehbruch furchtbar / Schwertzeit, Beilzeit,/ Schilde bersten / Windzeit, Wolfzeit / bis die Welt vergeht / nicht einer will / des andern schonen«, verkündet das Eröffnungsgedicht der nordischen Edda. Bei Michael Haneke ist die der Apokalypse vorangehende Wolfzeit in eine nicht näher bestimmte Gegenwart eingebrochen. Was genau die Figuren bedroht, läßt sich nicht fassen, ist aber auch gänzlich nebensächlich. Alles zirkelt um die Frage: Wie gehen Menschen in Extremsituationen miteinander um? Wird der eine dem anderen tatsächlich zum Wolf?

Eine Familie flüchtet aus der Stadt in ihr Ferienhaus auf dem Land. Kaum angekommen, wird der Vater, traditionellerweise Beschützer und Entscheidungsträger der Familie, erschossen. So ist die Mutter Anne mit ihren zwei Kindern Ben und Eva plötzlich auf sich gestellt. Nun muß sie Stärke demonstrieren innerhalb einer kollabierten Gesellschaft und zerbricht fast an dieser gewaltigen Verantwortung. Wie in einer ins Gegenteil verkehrten Weihnachtsgeschichte verschlägt es die drei schutzlosen Fremden in einen Stall; doch wird hier keine freudige Geburt verkündet, vielmehr findet Bens toter Wellensittich seine improvisierte letzte Ruhestatt. Der Vogel ist nicht das einzige tote Tier im Film, das dem Zuschauer klarmacht, daß es die Schwächsten zuerst erwischt. Vorbei an brennenden Kühen und verwesenden Schafen führt der Weg über flaches, unspektakuläres Land. Schließlich gelangen Anne, Ben und Eva zu einer Art Bahnhof, wo sie ihr provisorisches Lager aufschlagen. Hier treffen sie auf weitere gestrandete Seelen. Sie alle müssen sich gezwungenermaßen ihrer Vorgeschichte entledigen, um die bloße Existenz zu sichern. Halsketten, Fahrräder, Streichhölzer, Uhren – alles bekommt eine neue Wertigkeit, wird auf seine existenzsichernde Bedeutung abgeklopft.

Das fragile, aus der Not geborene Sozialgefüge gerät vollends aus dem Lot, als weitere Flüchtlinge den Bahnhof in Beschlag nehmen. Beziehungen wie auch Hierarchien müssen neu ausgehandelt werden, nun wird selbst Raum zum Luxusgut. In einem solchen Ausnahmezustand fallen Erlösergeschichten, und mögen sie noch so verschroben sein, auf fruchtbaren Boden und machen Wolfzeit nicht nur zu Road Movie, Science-Fiction- wie auch Horrorfilm in einem, sondern letztlich auch zu einer Märtyrergeschichte.

Doch darf man sich beileibe nicht auf eine klassische Heldenreise einstellen; viel zu tief wurzelt Hanekes grundsätzliches Mißtrauen gegenüber einer ästhetischen Domestizierung extremer Situationen. Stattdessen fordert er absolute Präzision, die nahezu zwangsläufig Intensität hervorbringe. Genau diese Intensität, wie sie etwa bei Die Klavierspielerin entsteht, will sich jedoch nicht ganz einstellen. Das liegt aber keineswegs daran, daß man die Katastrophe konkretisiert bekommen wollte. Auch nicht daran, daß Wolfzeit damit kokettiert, einer der dunkelsten Filme aller Zeiten zu sein (so stellt mitunter ein Feuerzeug die einzige Lichtquelle dar).

Vielleicht ist eher die satt-grüne, gesund aussehende Umgebung mit schuld, angesichts derer man als Zuschauer für den Durst oder das Frieren der Figuren kein Gefühl bekommt. Oder das relativ wenig nuancierte Spiel einiger Darsteller. Oder daß einiges rein verbale Behauptung bleibt. Oder die Tatsache, daß die Geschichte der brennenden Welterlöser den kleinen Ben tiefgreifend beeindruckt, diese Wirkung jedoch nicht deutlich gemacht wird. Und so erschließt sich die ganze Tragik des Schlusses, wenn überhaupt, erst allmählich mit einiger Zeitverzögerung. Man beobachtet daher die Figuren den ganzen Film über wie durch eine Glasscheibe, sieht sie verzweifeln, sich aufbäumen, kapitulieren; doch ein Gefühl der Beklemmung oder existentiellen Bedrohung springt einfach nicht über. 1970-01-01 01:00

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