— — —   DER SCHNITT IST OFFLINE   — — —

Wir

D 2003. R,B: Martin Gypkens. K: Eeva Fleig. S: Karin Jacobs. P: credo film, RBB, HFF »Konrad Wolf«. D: Jannek Petri, Oliver Bokern, Knut Berger, Karina Plachetka, Lars Löllmann u.a.
100 Min. Zauberland ab 29.1.04

Realität en detail

Von Frank Brenner Martin Gypkens zeichnet in seinem ersten abendfüllenden Spielfilm, seiner Abschlußarbeit an der Potsdamer Filmhochschule, ein eindringliches Bild der Generation junger Erwachsener zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seines Filmes stehen zehn Menschen, die sich in Berlin begegnen, ihre Verstrickungen, Freundschaften, Liebes- und Existenznöte. Pit arbeitet an der Theke einer Disco, sucht aber Anerkennung als Model. Sein frisch aus Aachen zugereister, ehemals bester Freund Florian ist gelernter Tischler und verliebt sich schon bald in die hübsche Petronella, die eigentlich schon seit Jahren mit dem Filmstudenten Till liiert ist, sich aber ungeachtet dessen auf eine Affäre mit Florian einläßt. Pit verliebt sich seinerseits in den bindungsunfähigen Carsten, der bisexuell ist und auch schon Judith das Herz gebrochen hat.

Insgesamt sind es zehn Figuren, die von Gypkens sehr detailliert gezeichnet und in den Mittelpunkt seines Ensemblefilms gestellt werden. Es dauert seine Zeit, bis der Zuschauer sich in dem Personenkreis zurechtfindet und die verschiedenen Verstrickungen auseinandergetüftelt hat. Dies ist aber keineswegs unrealistisch, spiegelt es doch vielmehr die Situation wider, mit der man beispielsweise auch auf einer Party viele neue Leute auf einmal kennenlernt. Der Realitätsanspruch wird in Gypkens Film durchweg sehr großgeschrieben. Das zeigt sich zum einen in den frischen, sehr natürlichen und unverbrauchten Dialogen und dem bodenständigen Spiel der weitgehend unbekannten Darsteller.

Einiges wirkt mitunter in seiner Alltäglichkeit belanglos, unterstreicht aber die Detailverliebtheit des Regisseurs beim Ausloten seiner Charaktere. Es scheint geradezu, daß dabei nichts dem Zufall überlassen bleibt. In einer Szene im Supermarkt sehen wir im Hintergrund eine skurrile Gestalt, die Überraschungseier durch Schütteln auf ihren Inhalt hin überprüft. Zudem scheint der Mann einen Buchstaben kaufen zu wollen, den er bereits unter dem Arm hält. Gegen Ende des Films taucht die stumme Figur erneut auf, als sie Florian auf eine Anzeige hin einen kleinen Hund verkaufen wird. Das Zimmer des Mannes ist mit großen Buchstaben übersät. In solchen kurzen Momenten manifestiert sich darüberhinaus das Erzähltalent Gypkens, der schon in seinem Debütfilm genug davon versteht, wie man seine filmische Figuren komplex zeichnet und sie durch verspielte Details plastischer gestaltet.

Selbst im dramaturgischen Aufbau zeigt sich bereits das Talent eines routinierten Profis. Die einzige Szene, die aufgrund ihrer genreinternen Klischeehaftigkeit nicht so recht zum Rest des Films passen will, wird gegen Ende herangezogen, um einige festgefahrene Figurenverstrickungen aufzulösen: Es ereignet sich ein Autounfall, bei dem einer der Beteiligten seinen Verletzungen erliegt. Davon abgesehen ist Gypkens Talent jedenfalls unbestreitbar und man darf gespannt sein auf weitere Arbeiten des jungen Filmemachers. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

Sitemap