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Winterreise

D 2006. R: Hans Steinbichler. B: Martin Rauhaus. K: Bella Halben. S: Anne Loewer. M: Antek Lazarkiewicz. P: d.i.e.film, Wega-Filmproduktionsgesellschaft mbH. D: Josef Bierbichler, Sibel Kekilli, Hanna Schygulla, Philipp Hochmair u.a.
99 Min. X Verleih ab 23.11.06

Der Poltergreis

Von Oliver Baumgarten Franz Brenninger ist ein komischer Kauz, ein sehr energischer komischer Kauz. Mit seinem Kurzwarenvertrieb hat er es zu einigem Wohlstand gebracht, und mit seiner Frau lebt er in einem schick verglasten Bungalow. Doch überall an der Oberfläche beginnt sich der Schick nachhaltig und unwiderruflich zu zersetzen. Seine Frau ist sehr krank, er selbst leidet unter manischer Depression, dank derer er beizeiten vor sich hinbrabbelt, in ohrenbetäubender Lautstärke Musik hört oder sich bei Minusgraden entblößt ins offene Fenster stellt. Mit wummernder Energie braust dieser ordinäre Koloß an Persönlichkeit durchs Leben, geht in den Puff, vergrätzt seine Mitmenschen und lauscht mit solcher Leidenschaft Franz Schuberts düsterem Liederzyklus Winterreise, daß ihm vor Anrührung polternd ein »Schubert, du Arschloch« entfährt.

Brenninger meint es nicht immer böse, wenn er dieses Wort wohl dutzende Male im Film phonetisch zelebriert, mit donnerrollendem »r« und einem etwas länger als nötig gezogenen »o«. Manchmal hingegen wirkt es äußerst bedrohlich, zum Beispiel nun, da er erfährt, daß er praktisch pleite ist und daß sein letztes Geld in einem dubiosen Geschäft in Kenia zu versickern droht. Grollend macht er sich mit der Dolmetscherin Leyla nach Afrika auf.

Wie schon Hans Steinbichlers Hierankl, so ist auch seine Winterreise ein formales Glanzstück geworden, ein Fest für die Sinne und in allen Belangen ein Markstein des guten Geschmacks. Die Schauspieler halten sehr präzise das Maß zwischen Regiment und Sentiment, und besonders dem einmaligen Josef Bierbichler gelingen unglaubliche Zwischentöne in der Darstellung dieses Poltergreises, der anzurühren vermag wie kaum eine andere Figur im deutschen Kino des vergangenen Jahres. Ganz entscheidend aber für die Qualität von Steinbichlers Filmen ist auch die Kamera von Bella Halben. Kompositionen von epischer Schönheit unterstützen die zum Teil lyrische Entrücktheit des Films, die ihren Ausdruck irgendwo zwischen Todessehnsucht und Individualitätsstreben findet. Ich könnte mir für den Kinoherbst keinen schöneren Film denken. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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