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Winterkinder – Die schweigende Generation

D 2005. R,B,S,P: Jens Schanze. K: Börres Weiffenbach. M: Erik Satie. Tiberius.
99 Min. ab 8.12.05

Eine ganz normale Familie

Von Constanze Frowein »War Großvater ein Nazi?«, will Regisseur Jens Schanze von seiner Mutter wissen. Fragen nach der NS-Vergangenheit können nicht behutsam gestellt werden. So vorsichtig der Filmemacher sich an die Vergangenheit des Vaters seiner Mutter auch herantastet: Das Bekenntnis zu der Verwandtschaft mit dem NSDAP-Mitglied Wilhelm Schülke mündet immer wieder in ein großes, unerträgliches Schweigen. Ein Dokumentarfilm über die nationalsozialistische Vergangenheit der eigenen Familie zu drehen bedeutet, nicht nach den Nazis zu suchen, sondern sich bewußt zu werden, daß die düstere Vergangenheit des Nationalsozialismus der Deutschen eben doch die eigene ist.

In Folge einer Emnid-Umfrage, der zufolge die Hälfte aller Deutschen glaubt, die eigenen Angehörigen hätten dem NS-Regime kritisch gegenüber gestanden, nimmt Jens Schanze die Frage nach den dunklen Flecken in der eigenen Familie auf. Immer wieder wägt die Mutter des Filmemachers zwischen dem Schutz des geliebten Vaters und der Verantwortung der Auseinandersetzung mit der Position des Vaters als NSDAP-Mitglied ab. Immer wieder Schweigen. Aber auch die Geschwister wissen keine genaue Antwort auf die Fragen des eigenen Bruders. Sein Film läßt die Ratlosigkeit seiner Geschwister und auch die Befangenheit der eigenen Mutter zu. Ein nervöses Lächeln, ein ratloser Blick. Eindringlich macht Jens Schanzes Schnitt dem Genre dieses Films alle Ehre: Er dokumentiert das Schweigen zweier Generationen. Ein sowohl mutiges, als auch gelungenes Unterfangen.

Auf Spurensuche nach dem Großvater im verschneiten Niederschlesien rückt immer mehr der eigentliche Grund des Filmes in den Mittelpunkt, nicht die historische Tatsache der Schuld des Großvaters, sondern vielmehr deren Bedeutung für eine ganz gewöhnliche deutsche Familie. Und so ragt die Familie per se letzten Endes als Mahnmal der Deutschen in ihr eigenes Gewissen – nicht nur für die Vergangenheit und Zukunft eines Landes, sondern auch für die ganz persönliche Frage: »Wer bin ich? Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?« 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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