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Der Wind

El viento. RA/E 2005. R,B: Eduardo Mignogna. B: Graciela Maglie. K: Marcelo Camorino. S: Marcela Saénz. M: Juan Ponce de Leon. P: Retratos, Tesela. D: Federico Luppi, Antonella Costa, Pablo Cedrón, Esteban Meloni u.a.
100 Min. Arsenal ab 12.10.06

Das himmlische Kind

Von Sascha Seiler Der Wind steht für das rauhe Land des argentinischen Südens, für das Land der Gauchos, das Patagonien heißt und über dem eine große Einsamkeit liegt, die schwer ist, in Worte zu fassen. Und der Film erzählt auch von Patagonien, doch anders als etwa Das letzte Kino der Welt spielt Der Wind, anders als man erwarten könnte, fast gänzlich in der Metropole Buenos Aires. Nur die Erinnerung an etwas, das in den 70er Jahren in Patagonien passiert ist, hängt bedrohlich über den Protagonisten dieses formidablen Kammerstücks.

Natürlich ist ein argentinischer Film meist auch ein Film über das Erinnern und das Vergessen und Verdrängen. Vergangenheit wiegt schwer, noch schwerer spürt man die Melancholie eines einsamen Lebens in der Ödnis der Steppe. Vor 28 Jahren wurde Emilia, mit deren Beerdigung der Film beginnt, schwanger. Der wohl nur der werdenden Mutter bekannte Mann starb Monate vor der Geburt und Emilia, um die Schande von ihrem Vater Frank zu nehmen, gebiert das Kind, Alina, in Buenos Aires, wo es auch aufwächst und schließlich Medizin studiert. Nach Emilias Tod begibt sich nun Großvater Frank, der sein Dorf noch nie verlassen hat, außer dem einen Mal in seiner Kindheit, als in der benachbarten Ortschaft die Fußballmannschaft von River Plate ein Gastspiel hatte, in die große Stadt, um Alina die Nachricht persönlich zu überbringen.

Alina wiederum ist mittlerweile eine erfolgreiche Ärztin, die seit drei Jahren einen überaus netten und gut aussehenden Freund namens Diego, jedoch heimlich eine Affäre mit ihrem 15 Jahre älteren, verheirateten Kollegen hat. Als sie meint, von diesem schwanger zu sein, möchte sie sich von Diego trennen, doch Frank schwant hierbei Übles und er entscheidet sich, das große Familiengeheimnis zu lüften, bevor eine längst verdrängte Geschichte sich wiederholen kann.

Der Wind ist eine fantastisch erzählte neue Variation einer alten Geschichte um Schuld und Sühne, um Familienehre und Blutschande, aber auch eine Geschichte über den Lauf der Zeit und Wunden, die nicht geheilt werden dürfen. Es sind die kleinen Momente, die bewegen; etwa als Frank von seinem Besuch bei besagtem Fußballspiel erzählt: »Als der Torwart einen fast unhaltbaren Schuß parierte und die Menge vor Begeisterung tobte, machte mein Vater etwas Ungewöhnliches: Er ging auf das Spielfeld zum Torwart hin und beglückwünschte ihn zu dieser Leistung. Und der Torwart ist nicht geflüchtet, sondern ging auf meinen Vater zu und schüttelte ihm die Hand.«

In einer anderen Szene fragt Alina ihren Geliebten Miguel, wie das denn gewesen sei, als seine Mutter gestorben ist. »Ich war sieben. Mein Vater wollte im ersten Jahr danach den Typen umbringen, der den Unfall verursacht hat. Im zweiten Jahr danach wollte er sich umbringen. Im dritten hat er neu geheiratet. Die Zeit heilt alle Wunden.« Alina, die versucht mit dem Tod ihrer Mutter zurechtzukommen, fragt, ob es denn wirklich so sei. Und er antwortet: »Eigentlich dürfte es nicht so sein.« Doch irgendwann vergißt man. Alina versucht gegen dieses Vergessen anzukämpfen, bedrängt Frank um die Wahrheit, doch dieser tischt ihr kurz vor Ende des Films eine weitere Lüge auf, bis er sich aufgrund der Schwangerschaft zum Handeln genötigt sieht.

Obwohl Der Wind ein sehr ernster Film über ein zerstörtes Leben und eine zerrissene Familie ist, ist er auch ein manchmal gar humorvoller Blick auf ein zerrissenes Land. Die Szenen, in denen Frank die Gefahren der Großstadt meistern muß, sind erfrischend komisch, doch auch immer mit einem bitteren Beigeschmack, da der Zuschauer sich bis zum Schluß nicht über Franks Rolle im Familiendrama bewußt ist. Doch dem Film gelingt es, all diese verschiedenen Aspekte zusammenzubringen und in oft symbolhaltigen Bildern letztlich das abzubilden, um das es hier geht: das Leben. 1970-01-01 01:00

Abdruck

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