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Willenbrock

D 2004. R: Andreas Dresen. B: Laila Stieler. K: Michael Hammon. S: Jörg Hauschild. P: Ufa, WDR, MDR u.a. D: Axel Prahl, Inka Friedrich, Anne Ratte-Polle, Christian Grashof u.a.
107 Min. Delphi ab 17.3.05

Ohnmacht der Gewohnheit

Von Jutta Klocke Die ersten Bilder hätten eine falsche Sicherheit vorgaukeln müssen. So zumindest will es die Konvention. Das Unerwartete, das Grauen, bricht normalerweise erst über die heile Miniaturwelt des Einzelnen herein, wenn vorher deren Selbstverständlichkeit und Unbeschwertheit in aller Deutlichkeit postuliert wurde. Bernd Willenbrock aber lernen wir bei dem Versuch kennen, in winterlicher Nacht einem Gefühl zu entkommen, das ihn erst im späteren Verlauf der Geschichte heimsuchen wird.

Als einziger Aussetzer im chronologischen Gefüge der Handlung nimmt die Eingangsszene den folgenden Zusammenbruch bereits vorweg. An eine distanzlose Teilnahme am Selbst- und Weltbild Willenbrocks ist jetzt nicht mehr zu denken. Der bequeme Alltag des erfolgreichen Gebrauchtwagenhändlers, der sich neben Ehefrau und Eigenheim den kleinen Luxus einer Geliebten und eines Häuschens auf dem Lande leisten kann, erscheint nun schon nur noch als zerbrechliches Trugbild. Und so beobachtet man Willenbrock fast ein wenig abgeklärt dabei, wie das nicht Einkalkulierte ihn in seiner satten Lebensmitte wie ein kalter Schlag erwischt. Die Bedrohung dringt plötzlich und geballt in den Mikrokosmos des Privatlebens ein, nicht physisch fortdauernd, aber seelisch einschneidend und nachhaltig. Ein Einbruch im Autohof und ein Überfall im Landhaus bringen den selbstgerechten Lebensentwurf aus dem Lot. Die verzweifelten Versuche, in die gewohnten Bahnen zurückzukehren, mißlingen, aber sie führen auch zu einem Erwachen aus der vorangegangenen Ohnmacht der Gewohnheit.

Der direkte Blickwinkel, die besondere Nähe zu den Figuren, die Andreas Dresens Stil im Spiel- wie Dokumentarfilm bisher prägten, sind in Willenbrock zugunsten einer distanzierten Perspektive aufgegeben worden. Bewußt hat Dresen sich bei dieser Verfilmung eines Romans von Christoph Hein gegen die sonst bevorzugte flexible Digitalkamera entschieden. Räumlich nimmt er hier Abstand von den Figuren, läßt sie mit ihrem ganz persönlichen Drama aber nicht im Stich, sondern führt im Gegenteil nur vor Augen, daß sie mit diesem individuellen Schicksal gar nicht so allein dastehen.

Der Horizont des Einzelnen reicht oft nur bis zur eigenen Haustür – daß sich dahinter viel größere Zusammenhänge öffnen, daran erinnert die Kamera immer wieder durch den Blick aus der Vogelperspektive. Das Luftpanorama der Reihenhaussiedlung irgendwo in Magdeburg ist nicht nur ein verschmitzter Kommentar auf deren makellose Spießigkeit, sondern vor allem ein Verweis auf die beschränkte Weltwahrnehmung ihrer Bewohner. Wie Ameisen wirken die rasenmähenden Männchen da unten und auch ein bißchen hilflos in ihrer Ahnungslosigkeit dessen, was sich jenseits der Gartenzäune auftut.

Obwohl die zeitweilige Sicht des Laboranten hinab in das menschliche Chaos eine zu starke Identifizierung mit den exemplarischen »Opfern« verweigert, verblassen die Figuren nicht zu reinen Projektionsflächen des Allgemeingültigen. Dem Drehbuch und nicht zuletzt Axel Prahl und Inka Friedrich ist es zu verdanken, daß die Willenbrocks als geschlossene und differenzierte Charaktere wahrnehmbar bleiben. Wenn man sie auch oft genug verläßt, um sie aus dem Abseits zu studieren, so kehrt man ebenso häufig zu ihnen zurück, um ganz konkreten, nachvollziehbaren Emotionen beizuwohnen. Dresens visuelle Dramaturgie verwehrt dem Zuschauer nicht die Entwicklung von Mitgefühl, sondern bloß die Bequemlichkeit, Willenbrocks Kurzsichtigkeit zu übernehmen. Sich bisweilen von ihm zu entfernen, läßt die Konturen seines Lebens ironischerweise eben nicht unscharf werden. Vielmehr werden erst dadurch die unzähligen feinen Linien sichtbar, die den Einzelnen mit all den anderen da draußen verbinden. So weitet sich zumindest der Blick des Zuschauers – und würde die Kamera höher und immer höher steigen, könnte dieser in dem Ameisenhaufen aus lauter das eigene kleine Glück Suchenden vermutlich sogar sich selbst erkennen. 1970-01-01 01:00
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