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Der wilde Schlag meines Herzens

De battre mon coeur s'est arrêté. F 2005. R,B: Jacques Audiard. B: Tonino Benacquista. K: Stéphane Fontaine. S: Juliette Welfling. M: Alexandre Desplat. P: Why Not Prods., Sedif, France 3 Cinema. D: Romain Duris, Niels Arestrup, Linh Dan Pham, Aure Atika u.a.
107 Min. Concorde ab 22.09.05

Pianoforte

Von Judith Bömer, Birgit Joest Der französische Regisseur Jacques Audiard ist hierzulande nur wenigen bekannt. Das könnte sich nach seiner fünften Regiearbeit mit dem etwas geschraubten Titel Der wilde Schlag meines Herzens (De battre mon coeur s'est arrêté) ändern. Zu wünschen wäre es Audiard, dessen überzeugender Künstlerthriller von erstaunlicher handwerklicher Souveränität im Wettbewerb der diesjährigen Berlinale einen Silbernen Bären für die beste Musik erhielt. In der Tat ist Der wilde Schlag meines Herzens neben einer Vater-Sohn-Geschichte auch ein Film über Musik und letztendlich ein Film über Hände, Hand-Werk, Tat. Vorbild war James Tobacks Finger – zärtlich und brutal aus dem Jahr 1977. Das vorauseilende Remake-Stigma, das Nachsehen im Vergleich zum Original zu haben, braucht Audiards Film nicht zu fürchten. Nicht als kleine Schwester, vielmehr als emanzipierte Coming-of-Age-Geschichte läßt der Regisseur die New Yorker Mafiawelt der 70er Jahre hinter sich und verpaßt ihr mit der Verlagerung nach Paris in ein Milieu halblegaler Immobiliengeschäfte ein Setting von trauriger Aktualität. So fristet Makler Tom seinen Lebensunterhalt unter anderem damit, Leerstand von Asylbewerbern zu räumen, wobei ihm und seinen Kollegen jedes Mittel recht ist. Unliebsamen Bewohnern werden mit einem Sack voller Ratten, nächtlichen Überraschungsbesuchen oder einem Abbruchkommando Beine gemacht.

In dieser urbanen Halbwelt säumen Bosheiten, Betrügereien und Blut den Weg des 28-jährigen Tom. Nebenbei treibt er für seinen Vater, einen abgehalfterten Immobilienhai, die Schulden ein, und alles sieht so aus, als trete er dessen Erbe an. Doch eine zufällige Begegnung mit dem ehemaligen Konzertagenten seiner verstorbenen Mutter beschert ihm die Chance eines Ausbruchs aus seiner semikriminellen Existenz. Die Einladung zum Klaviervorspiel wird zur entscheidenden Wegmarke. Ausgerechnet in Miao-Lin, einer chinesischen Musikerin, die kaum ein Wort Französisch versteht, geschweige denn spricht, findet er eine Klavierlehrerin, seine Meisterin und endlich einen Menschen, an dem er seine Reinheit beweisen kann. Tom, ein hochimpulsiver, unbeherrschter, aggressiver Mann, der sich für gewöhnlich an keine Regel hält, muß sich disziplinieren, muß sich Tempo und Rhythmus der Toccata in E-Moll von Johann Sebastian Bach mit eiserner Disziplin erarbeiten, scheitert daran und doch wieder nicht.

Daß die Geschichte vom skrupellosen Schläger zum geläuterten Pianisten nicht baden geht, verdankt sie allem voran der darstellerischen Leistung von Romain Duris. Sein wuchtiges Spiel ist von einer extensiven, kompromißlosen und fast brutalen körperlichen Präsenz, sie füllt den Antihelden vollkommen aus. Und doch schafft es Duris, daß man mit Tom, der ein wahrer Kotzbrocken ist, fühlt; daß man inständig hofft, es möge ihm gelingen, sich von dem halbseidenen Milieu und seinem schwachen und damit übermächtigen Vater zu befreien, der ihm wie ein Nachtalb auf der Brust zu sitzen scheint.

Ebenso kompromißlos und unmittelbar verhält sich der subjektive Kamerablick, der zu keiner Zeit die Perspektive der Hauptfigur verläßt. Nervös und fahrig hetzt die Handkamera von Stéphane Fontaine in engen Bildausschnitten durch vorgefundene Räume, immer wie auf dem Sprung. Nichts wird beschönigt, nichts gnädig ausgeleuchtet oder weggeblendet. Der wilde Schlag meines Herzens ist ein kleiner, dreckiger Film. Mehr davon, bitte. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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