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Wild Side

F/B 2004. R,B: Sébastien Lifshitz. B: Stéphane Bouquet. K: Agnès Godard. S: Stéphanie Mahet. M: Jocelyn Pook. P: Maïa Films. D: Stéphanie Michelini, Edouard Nikitine, Yasmine Belmadi, Josiane Storelu u.a.
93 Min. Pro-Fun Media ab 9.12.04

Ménage-à-Trois

Von Frank Brenner Sébastien Lifshitzs neuer Film handelt von Momentaufnahmen aus dem Leben seiner drei jungen Protagonisten, die einigermaßen ziellos durchs Leben treiben und durch den nahenden Tod der Mutter von einem von ihnen zumindest scheinbar einen neuen Angelpunkt zu erhalten scheint. Wir sehen Landschaftsaufnahmen aus der französischen Provinz, dann Naheinstellungen von nackter Haut und Szenen vom transsexuellen Straßenstrich in Paris. Der Zuschauer wird dabei regelrecht zum Beobachten und Analysieren aufgefordert, da kaum etwas gesprochen wird und die Bilder einen ganz eigenen Sog entwickeln. Stéphanie war früher Pierre und hat noch als Teenager seine Mutter verlassen, nachdem Schwester und Vater verschwunden sind – der Grund dafür bleibt im Verborgenen. Um ihre Mutter zu pflegen, ist Stéphanie in ihr Elternhaus zurückgekehrt, und mit ihr der aus Rußland geflohene Mikhail, ihr Liebhaber sowie der Strichjunge Jamel, der mit beiden gerne Sex hat. Außenseiter allesamt, die ihre Probleme mit sich herumtragen, aber kaum darüber sprechen.

Der Sprache kommt in Lifshitzs Film eine Sonderstellung zu, da sie über die gesamte Spielzeit marginal bleibt, und wenn sie zum Einsatz kommt, eher Mißverständnisse als Verstehen hervorruft. In drei besonders eindrucksvollen Szenen finden intime Konversationen der unterschiedlichen Protagonisten mit Mikhail statt. Zunächst ist da die Unterhaltung des Russen mit seiner Liebhaberin Stéphanie, in der ihm diese Körperteile mit dem französischen Ausdruck benennt. Danach folgt ein skurriles Frage-und-Antwort-Spiel mit der Mutter, das zum Scheitern verurteilt ist, weil die Mutter kein Englisch und Mikhail noch nicht viel Französisch kann. Seinen Höhepunkt erreicht das Sprachengewirr dann im Dialog Mikhails mit Jamel, dessen Englisch so schlecht ist, daß die beiden kaum zu einer Kommunikation fähig sind.

Die Bilder dazwischen sprechen hingegen Bände. Sowohl Jamels als auch Stéphanies Sex mit Freiern und die Ménage-à-Trois werden recht explizit dargestellt. Zudem ist der Erzählfluß des Films chronologisch gebrochen, immer wieder mischen sich Fetzen aus der Erinnerung zwischen die aktuellen Geschehnisse. In diesen Rückblicken, die von Agnès Godard in wundervollen Bildkompositionen festgehalten wurden, sind von einer poetischen Schönheit, die durch die Stille der Szenen noch wirkungsvoll unterstrichen wird. Für Liebhaber französischer Filme, die mit originellen, aber trotzdem lebensecht gezeichneten Figuren aufwarten können, ist Lifshitzs Film sicherlich eine sehenswerte Entdeckung. 1970-01-01 01:00
© 2012, Schnitt Online

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