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Die wiedergefundene Zeit

Le temps retrouvé. F/I 1999. R,B: Raul Ruiz. B: Gilles Taurand. K: Ricardo Aronovich. S: Denise de Casabianca. M: Jorge Arriagada. P: Gemini/France 2/Les Films du Lendemain/Blu Cinematografica. D: Catherine Deneuve, Emmanuelle Béart, John Malkovich, André Engel u.a.
157 Min. Schwarz-Weiss ab 18.1.01

Reconstructing Proust

Von Thomas Warnecke Die Dinge geraten in Bewegung im Schlafzimmer des Marcel Proust: Möbel schieben sich vor die Kamera, Vasen und Statuetten tanzen fast wie die Figuren einer Spieluhr, einzig die Sanduhr steht still: Was statisch ist im Verhältnis zur verstreichenden Lebenszeit wird zu bewegender Erinnerung des bettlägerigen Romanciers. Doch die Dinge der Welt sind unscharf geworden für seinen getrübten Blick, den die Kamera – und also der Zuschauer – mit ihm teilt: Erst durch die Linse einer vorgehaltenen Lupe werden auf den alten Fotographien die Personen sichtbar, die sich durch den weiteren Film bewegen werden.

Der Vorspann gleichsam als Bildwerdung der Erinnerung oder im Sinne Prousts als Erfindung der Erzählung aus der Dingwelt der Biographie. So verwandeln sich umgekehrt die Menschen gelegentlich in Statuen. Gegen Ende des Films, in der Konzertszene, die ein wenig an die große Ballszene aus Viscontis Gattopardo erinnert, schiebt sich das Publikum, die versammelte Personnage der Wiedergefundenen Zeit, durch den Raum, entgegen der Kreisfahrt der Kamera. So, aus dem filmischen Bild, erschafft Ruiz eine geschlossene Dramaturgie und nicht, indem er wie Schlöndorff die Romanvorlage auf eine handlungsbestimmte Eifersuchtsstory eindampft.

Gefilmte Erinnerungsarbeit heißt bei Proust wie bei Ruiz durchaus Archäologie zu betreiben, und Ruiz geht weit über eine Illustration des historischen Kontextes hinaus, wenn er den Requisiten wie den Kostümen jener Zeit die frühen Bildmedien hinzustellt: Bildbetrachter und kinematographische Kriegsberichterstattung, vergilbte Fotographien. Dann, vor dem inneren Auge des Erzählers, werden die Wände transparent, aufgelöst von Filmprojektionen, Gesichter von anderen Gesichtern überblendet. Großartig der Blick durch eine offene Tür auf den freien Himmel, wie von Magritte gemalt, bevor der Kirchturm von Combray erscheint. Eine weitere Reverenz an den Surrealismus: Das Diorama, das Pascal Greggory dem jungen Marcel nach eingehender Warnung über die zu sehenden Kriegsgreuel gibt, zeigt, wie von Buñuel gefilmt, ein verendendes Tier. Die Kamera von Ricardo Aronovich agiert als weiterer, wenn nicht wichtigster Erzähler, zusätzlich zur im Roman wie auch im Film vorgenommenen Trennung zwischen Erzähler-Proust und Alter-Ego-Marcel.

André Engel (Marcel), der sich im französischen Original mit Marcello Mazzarella (Erzähler) die Stimme Patrice Chéreaus teilt (dt. Fassung: Erich Ludwig) sieht wirklich aus wie das erinnerte Ich des Autors, was freilich über eine bloße physiognomische Ähnlichkeit weit hinausgeht. Raul Ruiz verfilmt Prousts Roman, der den Abschluß der ›Recherche‹ bildet, indem er ihn als Steinbruch liest und neu zusammensetzt, kongenial dem analytisch-memorierenden Verfahren des Autors, und ein wenig so, wie Fellini mit Petronius' ›Satyricon‹-Fragment verfahren ist. Eine Literaturverfilmung, die von Filmgeschichte durchweht ist und damit den Anspruch des Kinos bekräftigt, die Literatur als Medium der Erinnerung abzulösen.

Daß dem Regisseur für diesen Gang durch die sich überlagernden Zeiten und Räume eine Riege der hervorragendsten Darsteller des französischen (und mit John Malkovich auch des amerikanischen) Kinos zur Verfügung stand, im Zentrum Catherine Deneuve, die in den letzten Jahren fast zu einer Überfigur des europäischen Films geworden ist, verstärkt nur den überwältigenden Eindruck, den Die wiedergefundene Zeit hinterläßt. Am Ende, nachdem voller Andeutungen auf den ganzen Mythos, der mit Venedig verbunden ist, das hier ein wenig wie die verstaubten Kulissen eines Goldoni-Stücks aussieht, und dem Besuch im Badeort Balbec zwei weitere zentrale Orte der ›Recherche‹ durchmessen sind, bleibt: das Meer. 1970-01-01 01:00

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