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Wie in der Hölle

L' enfer. F 2005. R: Danis Tanovic. B: Krzysztof Piesiewicz, Krzysztof Kieslowski. K: Laurent Dailland. S: Francesca Calvelli. M: Dusko Segvic, Danis Tanovic. P: Line Research, Detour Filmproduction. D: Emmanuelle Béart, Karin Viard, Marie Gillain u.a.
99 Min. Tobis ab 29.6.06

Teuflisch abgesoffen

Von Kerrin Anke Die Erwartungen an Danis Tanovic waren hoch, besonders nachdem es für seinen ersten Film No Man's Land angesehene Preise und internationales Lob gehagelt hat. Die Liste der Vorschußlorbeeren verlängert sich noch, wenn man bedenkt, daß es sich um ein von Krzysztof Kieslowski ersonnenes Drehbuch (verfaßt von Krzysztof Piesiewicz) handelt, und daß die Besetzung einen großen Namen auf den anderen folgen läßt. Dies ist der zweite Teil der Kieslowski-Trilogie »Himmel-Hölle-Fegefeuer«. Doch während der Regiemeister selbst ein derart mit bedeutungsschwangeren Details überfrachtetes Drehbuch mit seinen verstörenden und vagen Inszenierungen vermutlich über Wasser hätte halten können, hängt Tanovic dem ganzen noch einen Zementklotz mehr um den Hals und läßt den Film in einer Flut von plakativen Symbolen absaufen.

Bestimmt hat er Vieles gut gemeint. Das Symbol der drei Farben zum Beispiel – jeder der drei Schwestern wird eine Farbe zugeordnet (Rot für die Eifersüchtige, Blau für die Einsame, Grün für die Jüngste), was als eine Art Tribut an Kieslowskis »Drei Farben«-Trilogie interpretiert werden könnte. Aber die Klischees werden so ausgereizt, daß zum Beispiel Emmanuelle Béarts Darstellung der eifersüchtigen Ehefrau mehr als einmal ins Lächerliche abgleitet. Das mag auch daran liegen, daß die Charaktere alle völlig überzeichnet sind und entweder nichts Geheimnisvolles an sich haben, oder daß ihnen das Mysteriöse wie eine Maske anhaftet (Carole Bouquet als bizarr gealterte Mutter).

Eine Identifikation fällt deshalb von vornherein schwer, auch wenn an so universelle Themen wie Liebe, Haß, Tod, Eifersucht, Betrug und Verrat gerührt wird. Vieles davon könnte einen berühren, und auch die philosophischen Betrachtungen über Schicksal, Zufall und die Abwesenheit der Tragödie in der heutigen Zeit sind interessante Ansätze, aber alles an diesem Film ist überbordend, sowohl der Symbolismus (Marie Gillain, die plötzlich auf der Straße mitten in einem Himmel-und-Hölle-Spiel steht) als auch die Bewertung einzelner Charaktere (Jean Rochefort in einer völlig bedeutungslosen Nebenrolle). Die Figuren scheinen sich kaum zu entwickeln, sondern rasen von ihren Affekten getrieben durch ihr Leben, um sich schließlich alle im trauten Kreis unter Vorsitz der satanischen Mutter wiederzutreffen. Damit gelingt Tanovic ein schöner erzählerischer Bogen, der die ganze Geschichte als spiralförmig zulaufende Kettenreaktion darstellt, und der auch das Thema des Films gekonnt wieder aufnimmt. Man würde sich aber wünschen, daß er es etwas subtiler angegangen wäre und uns den moralischen Zeigefinger nicht ganz so heftig entgegengestreckt hätte. 1970-01-01 01:00
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