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Wie im Himmel

Så som i himmelen. S 2004. R,B: Kay Pollak. B: Anders Nyberg, Ola Olsson, Carin Pollak, Margaretha Pollak. K: Harald Gunnar Paalgard. S: Thomas Täng. M: Stefan Nilsson. P: GF Studios, Sonet Film, K. Pollak Film u.a. D: Michael Nyqvist, Frida Hallgren, Helen Sjöholm, Lennart Jähkel u.a.
130 Min. Prokino ab 20.10.05

Singen macht frei

Von Jutta Klocke Sei es ein Italienisch-Kurs für Anfänger oder ein Provinzkirchenchor, die Laienlerngruppe ist – zumindest im Kino – ein idealer Hort für die Einsamen und verlorenen Seelen. Eine kleine Dorfgemeinde im abgelegenen Norden Schwedens erwacht durch den neuen Kantor Daniel Daréus aus einem Trott aus Konventionen, der dem Einzelnen jahrelang eine individuelle Entfaltung versagte. Dabei ist Daréus, der eine regelrechte Befreiungsbewegung unter den Chormitgliedern lostritt, nicht einmal eine richtige Lichtgestalt, sondern viel eher einer von ihnen. So wie sie ihr Leben in verlogenen Moralvorstellungen fristen, hat auch er sich vom Leistungsdruck seiner musikalischen Karriere vereinnahmen lassen. Im Grunde ist er, der sich nach einem Herzinfarkt von den Bühnen der Welt in das Dorf seiner Kindheit zurückzieht, sogar der Einsamste unter ihnen. Die Proben werden damit nicht nur für die Gesangsamateure, sondern vor allem für den Lehrer selbst zur Therapie, zum Ausweg aus der inneren Isolation.

Was Daréus seinen Schützlingen über die Musik vermitteln will, nämlich für ihr Innerstes – ihre »eigene Stimme«, wie er es nennt – einzustehen, das versucht Regisseur und Drehbuchautor Kay Pollak in die ebenso universelle Sprache der Bilder zu übersetzen. Anders als sein filmisches Alter ego läßt er sich aber dazu verleiten, die emotionale Kraft seines Mediums selbst in Frage zu stellen. Um sicherzugehen, daß die Botschaft des Einander- und Sich-Selbst-Annehmens den Zuschauer auch erreicht, wird sie an den zahlreichen Figuren immer wieder aufs Neue durchexerziert. So auch an der mißhandelten Ehefrau Gabrielle, die der versammelten Gemeinde in einem zornig-befreienden Gesangssolo vorführt, daß sie die Lektion des Kantors gelernt hat. Ihr Auftritt ist nur das offensichtlichste von vielen Beispielen für Pollaks Hadern, allein seinen Bildern zu vertrauen. Während Gabrielles Gesichtsausdruck genügt hätte, um ihr Solo als Akt des Aufbegehrens zu kennzeichnen, gerät die Szene durch die Wiederholung der visuellen Aussage im Liedtext zur narrativen Tautologie.

Solche Redundanzen hätte es ebensowenig gebraucht wie manche metaphorische Kapriole – zeigen doch die kleinen, sprachlosen Momente wie Daniels Ankunft in dem verlassenen Schulhaus, das nun sein Zuhause sein soll, und die Art und Weise, sich Landschaften und deren natürliches Licht zu eigen zu machen, Pollaks Fähigkeit zum subtileren Erzählen. Immerhin: Wenn auch das Ende über alle pathetischen Stränge schlägt, teilt hier der Regisseur erstmals die Zuversicht seines Protagonisten, daß eine große Botschaft keineswegs der Worte bedarf. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #40.
© 2012, Schnitt Online

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