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Wie Feuer und Flamme

D 2001. R: Conny Walther. B: Natja Brunckhorst. K: Peter Nix. P: X-Filme. D: Anna Bertheau, Antonio Wannek, Tim Sander, Aaron Hildebrand u.a.
X-Verleih ab 14.6.01

Punk’s dead

Von Dietrich Brüggemann Eine Subkultur, die optisch so viel hergibt wie der Punk, muß über kurz oder lang im Kino landen. Eine ganze Weile hat es gedauert, doch hier ist er, der große Kinofilm über Punk in Deutschland in den frühen 80ern. Allerdings nicht in dem Deutschland, das den meisten von uns als erstes einfällt, wenn von Punk in den frühen 80ern die Rede ist. Sondern in der DDR.

Nele fährt von West- nach Ost-Berlin. Ihre Großmutter dort hat sie nie kennengelernt. Dafür ist es auch zu spät, denn Großmutter ist gestorben und wird gerade beerdigt. Doch dafür lernt sie Captain kennen, den Punk. Sie verlieben sich ineinander. Sie wollen sich wiedersehen. Alles klar, nur die Mauer stört. Nele kommt wieder, als Captain mit seiner Band in der Zionskirche spielt. Das Konzert ist laut und gut, und Nele verliebt sich noch viel mehr in Captain.

Daß diese Liebesgeschichte voller Hindernisse steckt, ist klar, und das allein macht schon einen spannenden Filmstoff daraus. Natja Brunckhorst ließ sich für ihr Drehbuch von einer wahren Begebenheit inspirieren, holte sich für den authentischen Tonfall Rat bei ehemaligen Szeneinsidern und bekam dafür den Deutschen Drehbuchpreis. Spannend und anrührend ist ihre Geschichte tatsächlich, und es fällt angenehm auf, daß sie das Augenmerk vor allem auf die Charaktere legt, anstatt die Umstände der deutschen Teilung als Anlaß für vordergründigen Aktionismus zu strapazieren. Schwach ist allenfalls das unentschiedene und vorhersehbare Ende.

Der Film hingegen läßt zu Anfang Schlimmes befürchten. Nach einem stimmigen und visuell überzeugenden Vorspann beginnt es gleich mit einem so überflüssigen wie nervtötenden Off-Monolog der Hauptfigur, der man zumindest an dieser Stelle kein Wort glaubt. Die eigentliche Handlung beginnt dann in einer Rückblende und gewinnt erfreulicherweise schnell an Fahrt. Zunächst freut man sich an der geschickten filmischen Wiedererweckung einer nicht allzu fernen Vergangenheit mit all ihren Details, doch auch die beiden Helden wecken Interesse und Zuneigung.

Bald allerdings zeigt sich, daß vor allem Anna Bertheau, die Hauptdarstellerin, die den Film eigentlich tragen müßte, der Herausforderung nicht gewachsen ist. Was anfangs noch wie ein unschuldiges, offenes Mädchengesicht aussieht, das im Lauf der nächsten zwei Stunden viel erfahren und durchleiden wird, ist am Ende eben immer noch das gleiche, etwas blasse Mädchengesicht, dem keine Empfindung wirklich anzumerken ist. Schlecht spielt sie nicht, doch die Dimension, die den Zuschauer wirklich sich selbst vergessen läßt und in die Geschichte hineinzieht, fehlt vollkommen. Antonio Wannek als Captain macht seine Sache deutlich besser, steht aber auch nicht im gleichen Maße im Vordergrund.

Hinzu kommt, daß der Film sich einem Tonkonzept verschreibt, das die jungen Hauptfiguren gnadenlos totschlägt. Klar, es geht hier um junge Leute, die musikalisch die Sau rauslassen, und manche Szenen, beispielsweise das Konzert in der Zionskirche, funktionieren ganz prächtig. Doch immer wieder drängt sich der bombastisch aufgeblasene Soundtrack in den Vordergrund, schlägt dem Zuschauer ins Gesicht, anstatt ihn zu überzeugen. Die Parallelmontage beispielsweise, als Nele und Captain das erste Mal miteinander schlafen und gleichzeitig in einer SED-Altherrenrunde der historisch verbürgte Mielke-Befehl zur Zerschlagung der Punkbewegung verlesen wird, war wohl als dramaturgischer und emotionaler Höhepunkt gedacht, ist am Ende aber einfach etwas peinlich.

Selbst die echten, alten Lieder, die ja jederzeit verfügbar wären, fand man zu dünn und hat sie mit dem ganzen Waffenlager des modernen Kinosounds neu produziert. Ob das der Musik bekommt, darüber kann man sich streiten, der Geschichte jedoch schadet es.

Das junge, ehrliche, aufregende Kino, für das der Name X-Filme bisher stand, ist hier insgesamt nur noch an wenigen Stellen zu spüren. Trotz guter Geschichte, ordentlicher Schauspieler und sensibler Kameraarbeit wirkt der Film als ganzes zu kalkuliert und kaltherzig, um wirkliche Begeisterung zu wecken. Er will partout riesengroßes Kino sein, hat aber keinen wirklich charismatischen Star in der Heldenrolle und verschenkt andererseits die Qualitäten, die er mit dem halben Budget vielleicht gehabt hätte. Schade, denn die anarchistische Energie einer Bande von Ostzonenpunks täte gerade dem deutschen Film mal ganz gut. 1970-01-01 01:00
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