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Wholetrain

D/PL 2006. R,B,M: Florian Gaag. K: Christian Rein. S: Kai Schröter. P: Goldkind, Yeti Films. D: Mike Adler, Florian Renner, Elyas M'Barek u.a.
89 Min. Movienet ab 5.10.06

A Whole New World

Von Arezou Khoschnam Es ist ein bißchen so, als hätte man sich verlaufen. Eine Gruppe von Jungs, teils noch grün hinter den Ohren, die sich in U-Bahnstationen und Unterführungen treffen, klammheimlich ihre Rucksäcke öffnen und wie von einer Biene gestochen aufschrecken, wenn sie Polizisten in ihrer Nähe vermuten. Dazu stimmige HipHop-Beats, die Assoziationen mit Filmen wie Kids und 8 Mile abrunden.

Doch Wholetrain spielt nicht in New York oder im Karosserie-Moloch Detroit. Wir befinden uns in Deutschland, Schmelztiegel unterschiedlicher Kulturen. Anders als die verdorbenen Vagabunden aus Kids sind die Wholetrain-Protagonisten gute Jungs. Jungs, die einen Traum haben. In ihren Rucksäcken verstecken sie lediglich Skizzenblöcke und Sprühdosen, mit denen sie kunstvoll Farbe auf Wände, Mauern und Züge zaubern. Hochkonzentriert und mit größter Sorgfalt entwerfen sie ihre individuellen »Pieces«, die dann für kurze Zeit öffentlich bestaunt werden können, bevor die städtische Reinigungskolonne anrückt und die Kunstwerke ebenso gründlich wieder wegschrubbt. Ihre Kunst ist unmittelbar und daher echt, genau wie sie selbst.

Während dieses Ghetto-Gehabe nun anfangs recht aufgesetzt wirkt, versteht man das flüchtige Verhalten der sympathischen Hauptfiguren in Florian Gaags Regiedebüt mit jeder Kontrolle durch die Beamten in zivil ein bißchen besser. Mit Mut zum Risiko gehen sie ihrer Leidenschaft nach. Grundsolide Ausbildungen schlagen sie in den Wind, denn das künstlerische Nomadenleben ist ihre Berufung. Sie vermitteln uns eingerostete Werte wie Freundschaft, Zusammenhalt und Loyalität. Diese Komponenten rücken den Film dann doch in die Nähe vieler US-Produktionen aus den 1980er Jahren, die im Geiste des Amerikanischen Traums stehen.

Aus heutiger Sicht mag diese Quintessenz naiv und unrealistisch wirken. Aber Wholetrain überzeugt dennoch. Die dokunahen Bilder lassen den Zuschauer in eine neue Welt voller Dynamik eintauchen, die ansteckt. Man fiebert mit, lacht und ist gerührt, obwohl man meint, alles schon mal gesehen zu haben. Der spektakuläre Schluß läßt einen schließlich fast den Atem anhalten. Florian Gaag vollbringt die Kunst, sein eigenes schlichtes Drehbuch in einen mitreißenden Film zu verwandeln. Lockere Dialoge mit einer ganz eigenen Terminologie, saubere Schnitte sowie temporeiche Aufnahmen vermitteln ein nachhaltiges Bild der Graffiti-Szene. Mit Wholetrain schenkt der Regisseur den Künstlern, zu denen er selbst gehörte, eine Leinwand. Verwundert über unsere eigene Ignoranz gegenüber dieser Subkultur, nehmen wir uns vor, ihren Werken in Zukunft mehr Beachtung zu schenken. 1970-01-01 01:00

Abdruck

Dieser Text ist erstmals erschienen im Schnitt #44.
© 2012, Schnitt Online

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