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What time is it there?

Ni neibian jidian. F/RC 2001. R,B: Tsai Ming-liang. B: Yang Pi-ying. K: Benoît Delhomme. S: Chen Sheng-chang. P: Arena Films. D: Lee Kang-sheng, Chen Shiang-chyi, Lu Yi-ching, Miao Tien, Jean-Pierre Léaud u.a.
116 Min. Pegasos ab 12.6.03

Durch Zeit und Raum

Von Achim Wetter Es gibt sie noch, die Filme, die einen von der ersten Minute an so nachhaltig in ihren Bann ziehen, daß man sich nichts sehnlicher wünscht, als daß der Bilderzauber nie enden möge. Bis an die Schmerzgrenze tastet sich der in Malaysia geborene Drehbuchautor und Regisseur Tsai Ming-Liang bereits in seiner ersten Einstellung. Ein Tableau von kaum zu übertreffender inhaltlicher Dichte wird hier zeitlich so ausgekostet, daß sich auch dem unsensibelsten Kinogänger die Nackenhaare wohlig sträuben werden.

Drei gestaffelte Bildebenen genügen, um vor dem auch im restlichen Film stets statischen Kameraauge den Tod eines Menschen so wahrhaftig wie poetisch in Kinobilder zu übersetzen: ein spartanisch eingerichtetes Zimmer, ein Balkon und eine für den Zuschauer nicht einsehbare Küche, aus der Geräusche dringen. Endlos lange braucht der Mann, seinen Teller zu füllen und bis zum nahen Eßtisch zu tragen. Er setzt sich und verharrt. In seinem Blick und seinen Gesten vermischen sich ohne jede Theatralik Schmerz und Wut mit Selbsthaß und Resignation. Langsam steckt er sich, statt zu essen, eine Zigarette an, steht auf, sieht nach, ob sein Sohn zu Hause ist und schlendert auf den Balkon. Dort rückt er, ganz nebenbei, eine Topfpflanze auf den rechten Platz auf dem Balkonsims und entschwindet aus dem Blickfeld. Erst nach dieser Exposition setzt die eigentliche Geschichte von What time is it there? ein, in deren Verlauf klar wird, daß der Mann zum einen der Vater des Protagonisten und, vor allem, bereits tot ist.

»Ein traumwandlerisches Filmgedicht über Raum und Zeit, Nähe trotz Entfernung, Leben und Tod« ist dem Presseheft zu entnehmen, und der Gehalt dieser Notiz bewahrheitet sich nicht nur in dieser filmischen Liebeserklärung Tsai Ming-Liangs an seinen Vater, der an Krebs starb, sondern auch in jeder der folgenden Einstellungen. Die Bildarrangements sind dabei zumeist äußerst puristisch, aber stets so sehr mit erzählerischem Abstraktionsgehalt durchtränkt, daß man ihrer formalen Schlichtheit nie müde wird. Dem Bildvokabular des Kameramannes Benoît Delhommes, der unübersehbar seine Erfahrungen als Beleuchter bei Der Duft der grünen Papaya und Cyclo in den Film überträgt, gelingt es, die leichtfüßige Melancholie der französischen Nouvelle Vague in die Jetztzeit zu transportieren. Damit macht sich Tsai Ming-Liang nach The Hole erneut zum Vorreiter der taiwanesischen Neuen Welle.

Die Verweise auf filmische Vorbilder schämen sich nie, sich auch als solche zu erkennen zu geben und nehmen im Verlauf der Geschichte zuweilen Handlungscharakter an. Chen Shiang-Chyi in der weiblichen Hauptrolle trifft auf ihren Streifzügen durch Paris wie zufällig auf Jean-Pierre Léaud, den Darsteller aus Truffauts »Doinel-Reihe«. Lee Kang-Sheng in der Rolle des verträumten Uhrenverkäufers überbrückt währenddessen seine schlaflosen Nächte mit Les 400 Coups desselben Regisseurs. Ein kurzes Zusammentreffen der beiden Hauptfiguren beim Kauf einer Armbanduhr mit zwei Zifferblättern genügt Tsai Ming-Liang, um daraus ein tragfähiges Leitmotiv zu entwickeln. Immer stärker verweben verstellte Uhren die flüchtigen Abenteuer zweier Menschen in Taipeh und Paris und bringen nach und nach auch ihre räumliche Distanz zum Verschwinden. 1970-01-01 01:00
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